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Inhalt des Artikels

Kritik an der Gesellschaft und Weltpolitik

Bereits in der Überschrift des Textes „Bir çocuk kadar bilmiyorlar ki ölümü!” geht Umur Talu auf den Tod von Kindern ein und stellt einen Bezug zu den verschiedenen Todesumständen von Kindern in der Türkei her. Viele Kinder haben bei innenpolitischen Auseinandersetzungen und vor allem während der Syrienkrise und den damit verbundenen Flüchtlingswellen ihr Leben verloren. Er stellt fest, dass die Kinder mehr über den Tod wissen als „sie“. Mit „sie“ meint der Autor „die großen Staatsmänner“ (Z. 17, 18)[1], also die Politiker und Machtinhaber der anerkannten und mächtigen Staaten der Welt, welches sich allerdings erst am Ende seines Artikels offenbart, wenn er sie persönlich anspricht. Die Kritik kommt vor allem in Zeile 9 zum Ausdruck, wenn Talu bemerkt, dass die, „die an erster Stelle stehen, nicht für jene verantwortlich sind, die an zweiter Stelle stehen“ (Z. 10,11). Diese in allegorischer Form geäußerte Feststellung muss als Anspielung auf das Macht- und Wohlstandsgefälle der ersten und dritten Welt gewertet werden. Die Kritik liegt darin, dass die erste Welt demnach nicht für den Tod der vielen flüchtenden Menschen verantwortlich ist, jedoch im Gegenzug auch nichts dagegen unternimmt, um dem Sterben entgegenzuwirken oder es sogar zu beenden. Die „Führungsspitzen“ (Z. 17) der Länder wie „USA, Russland“ (Z. 17) und andere können nach Ansicht des Autors lediglich „große Reden schwingen“ (Z. 18), helfen den Flüchtenden aber nicht. Sehr deutlich kommt demnach die Kritik an den Politikern zum Ausdruck, die sich ihrer Verantwortung entziehen und nur über die Flüchtlingskrise sprechen, anstatt Lösungen für die Geflüchteten zu finden. Auch die Gesellschaft wird getadelt und sogar verurteilt, wenn der Autor bemerkt, dass die Urlauber ihre Ferien an der „himmelblaue[n] Ägäis“ (Z. 20) fortsetzen und ihre Boote „mit gesetzten Segeln und angeworfene[n] Motor[en] wie [Schwäne] von Bucht zu Bucht dahingleiten“ (Z. 12, 13). Besonders das antithetische Resümee des Autors verweist darauf, dass sich durch die ignorante Haltung aller Beteiligten der „Urlaubsort“ zu „Tatort“ (Z. 21) verwandelt. Talu beschuldigt die Gesellschaften und Führungsspitzen der Passivität und Untätigkeit. Den Höhepunkt der Kritik erlebt der Leser am Ende des Beitrags, wenn der Autor noch einmal seine Überschrift aufgreift und hyperbolisch darauf verweist, dass „die Großen“ „[a]lles [wissen], aber „im Gegensatz zu den winzigen Kindern, nicht die geringste Ahnung“ (Z. 73, 74) vom Tod haben.[2] Schließlich muss betont werden, dass die Gründe für den Tod, „wo immer dieser auch herkommt“ (Z. 77) für den Autor nicht von Bedeutung sind und nicht nur der Tod von flüchtenden Kindern im Vordergrund steht: Das Sterben der Kinder im Allgemeinen und vor allem das mangelnde Interesse der Gesellschaften und der Regierungen werden von Seiten des Autors schonungslos kritisiert und als verantwortungslos und pflichtvergessen gewertet.

Aylan Kurdi[3] und Hermias[4] – eine Antonomasie

Talu beschreibt den Tod der „schutzlos[en]“ (Z. 5) Kinder auf der Flucht in mehreren direkten Verweisen. Gleichzeitig erfolgt die wechselseitige Ersetzung von Namen, wenn Talu erklärt: „Seit Aylan nenne ich sie alle ‚Hermias‘“ (Z.28). Diese Antonomasie nutzt der Autor im Verlauf des Kommentars, um immer wieder indirekt auf das tragische Sterben der Kinder hinzuweisen. Eine besondere Rolle kommt dabei Aylan Kurdi zu. Der dreijährige Junge, dessen Leichnam an der Küste Bodrums angeschwemmt wurde, wird im Kommentar mehrfach namentlich erwähnt.[5] Aylan ist nicht zuletzt durch ein schockierendes Foto, das ihn leblos am Strand zeigt, zum Symbol der Flüchtlingskrise geworden (Spiegel Online 2015)  Er gilt als Ausdruck der „fortgespülten Menschlichkeit“ (Kıyıya Vuran İnsanlık) (Habertürk 2015) und steht international für den qualvollen Tod der flüchtenden Kinder und allgemein Menschen im Mittelmeer.[6] Talu verdeutlicht ebenfalls, dass Aylan Kurdi kein Einzelfall ist, sondern die Leichen von Geflüchteten oft an Land gespült werden: „Aylan liegt dort jeden Tag“ (Z. 25), hält der Autor fest und verwendet Aylan metonymisch für die vielen anderen ertrunkenen Kinder. Aylan, dessen „nasser Leichnam [an der Küste] […] gefunden wurde“ (Z. 31, 32) ist eines der Kinder, die mehr über den Tod wissen als „sie“ (die Staatsmänner). Der Autor stellt ebenso anhand der Legende des jungen Hermias einen Bezug zu den vielen unbekannten Kindern her, die im Meer auf der Flucht ertrinken. Eine antike Legende nach Theophrast besagt, dass ein Junge namens Hermias bei der antiken Stadt Iasos, im heutigen Güllük, in der Türkei lebte. Er schwamm mit einem Delphin hinaus aufs Meer, wobei der Junge ertrank. Der Delphin gab sich daraufhin die Schuld am Tod des Jungen und brachte ihn zurück ans Ufer, wo er sich selbst aus Schuldgefühlen neben ihn legte und starb. In der Stadt Güllük wurde eine Statue errichtet, die Hermias auf dem Rücken eines Delphins zeigt (Montgomery 1966: 311-12).  Der Autor erzählt die Legende in einer kurzen Passage nach und bemerkt, dass „[Hermias‘] nasser Leichnam, wie der von Aylan“ (Z. 31), am Strand gefunden wurde. Er appelliert an das Mitgefühl der Leser und verlangt, aller toten Kinder zu gedenken. Nicht umsonst führt Talu mit Aylan Kurdi und Hermias zwei kindliche und jugendhafte Figuren an: Kinder symbolisieren die eigene Nachkommenschaft, die Zukunft. Talu verweist also indirekt darauf, dass mit dem Tod eines Kindes auch die Zukunft stirbt. Außerdem wird der Verlust eines kleinen Kindes als das am schwersten zu verkraftende Leid für die Eltern gewertet, da die Rückkehr ins eigene Leben meist sehr schwer fällt. Daher gewinnt der Tod von flüchtenden Kindern eine weitere, besondere Tragik, von der die Hinterbliebenen betroffen sind. Auch hier übt Talu starke Kritik, wenn er feststellt, dass „die weit aufgerissenen Augen und mitfühlenden Herzen, die ihn sahen, inzwischen in ihren Alltag zurückgekehrt [sind]“ (Z. 25, 26). Neben der bereits erwähnten passiven Haltung der Gesellschaften und deren Führungsspitzen führt Talu an, dass die Tragik vor allem dadurch zunimmt, dass die Rettungswesten für Flüchtende nicht immer funktionsfähig sind: „wenn die Rettungsweste etwas taugt“ (Z. 3), „[…] jene Rettungsweste unbrauchbar ist“ (Z. 5), „Viele Rettungswesten, die verkauft werden, beinhalten gewöhnlichen Schaumstoff“ (Z. 55, 56). Hier verweist Talu auf die Tatsache, dass in der Türkei und besonders an der Ägäis Schwimmwesten an Flüchtende verkauft wurden, die lediglich mit Schaumstoff gefüllt waren und deswegen für viele den Tod bedeutet haben. In Izmir sollen von der türkischen Polizei bereits über 1000 solcher minderwertigen Westen beschlagnahmt worden sein (Höhler 2015).  Der Autor verweist hier demnach auf den „Mord“ der Menschen, die solche Westen herstellen und anschließend verkaufen. Die miserablen Zustände, in denen sich viele Schlepperboote befinden, werden ebenfalls von Talu thematisiert. So heißt es, dass das Boot ein Leck bekam und die Flüchtenden mit „alten Schiffen“ (Z. 15) und in überfüllten Booten versuchen, über das Meer zu gelangen. So sinkt „Boot um Boot, Schiff um Schiff auf den Grund [der Ägäis]“ (Z. 19) und es wird deutlich, dass Talu die schlechten Gegebenheiten, unter denen die Flüchtenden ihren Weg zu den griechischen Inseln antreten müssen, scharf kritisiert. „Dicht aneinander gepresst, eingepfercht“ (Z. 15, 16) treten die Flüchtenden „die Reisen [an], bei denen es keine Rückkehr mehr gibt“ (Z. 36). Umur Talu verdeutlicht gleichzeitig, dass die Flüchtenden große Angst vor der Überfahrt auf dem Mittelmeer verspüren, sich der Gefahren durchaus bewusst sind und diese auch untereinander thematisieren: „Und dann noch das Geflüster“ (Z. 54). Durch einen Perspektivwechsel ahmt Talu die Gedankengänge der Flüchtenden nach, die genau wissen, dass sie sich auf dem Meer in Lebensgefahr begeben. Die rhetorische Frage „Einen Platz in der Leichenhalle… gibt es den?“ (Z. 56) bekräftigt die ständige Ungewissheit und die Angst, denen die flüchtenden Menschen ausgesetzt sind.

 

Bodrum als Schauplatz der Flüchtlingskrise

In Talus Text steht Bodrum stellvertretend für die türkischen Küstenstädte in der Ägäis, von welchen aus viele Flüchtende die Überfahrt über das Mittelmeer nach Europa wagen. Der Autor beschreibt den Gegensatz zwischen den schutzsuchenden Menschen auf der einen Seite und den Touristen auf der anderen Seite, die sich gleichzeitig in den Küstenstädten aufhalten. Talu bedient sich ausgerechnet der Stadt Bodrum, da sie sich als prominenter Urlaubsort besonders hervorhebt und durch die noblen Hotels und paradiesischen Buchten einen starken Kontrast zu der Situation der Flüchtenden darstellt. Bodrum stand durch die hohe Anzahl der Flüchtenden, die aufgrund von fehlenden Unterkünften im Freien übernachten und campieren mussten, vor der Herausforderung, mit dem Zustrom umzugehen. Die Kaufleute in Bodrum sahen ihr Geschäft durch die vielen geflüchteten Menschen, die das Straßenbild veränderten, in Gefahr (Seibert 2015). Die Kluft zwischen den Urlaubern und den Flüchtenden wird im Kommentar deutlich gemacht, wenn die Touristen an der Ägäis das Leben genießen und „in Richtung der ‚griechischen Inseln‘“ (Z. 11, 12) aufbrechen, während viele Flüchtende am selben Ort und zeitgleich in „Schlauchboot[en] und alten Schiffen“ (Z. 15) ihr Leben verlieren. Der Autor übt scharfe Kritik, wenn er darauf verweist, dass im touristischen Bodrum bereits einen Tag nach dem Fund von Aylan Kurdi und den anderen Verunglückten der Alltag einkehrt und die Urlauber ihre Ferien fortsetzen.[7] Dass sich unmittelbar nach solch tragischen Vorfällen Familien am Strand vergnügen, macht sehr deutlich, dass Katastrophen dieser Art nicht genug Bedeutung beigemessen wird (Anter 2015). Der Autor verurteilt die Ignoranz und Unbarmherzigkeit der Gesellschaft und stellt vor allem den Tourismus in Bodrum in Frage. So beschreibt der Autor die Verbreitung der Nachrichten, welche die Todesfälle zum Thema haben, mit der simplen Formulierung: „‘Noch ein Schiff‘, sagten sie“ (Z. 23). Als seien die Nachrichten, dass Menschen immer wieder im Mittelmeer ertrinken, etwas Alltägliches, das sich ganz gewöhnlich wiederholt. Die Bevölkerung nehme an dem Tod der Flüchtenden keinen Anteil, sondern achte nur auf die eigenen Bedürfnisse, worauf nicht zuletzt die „[überfüllten] Passagierflugzeuge aus Bodrum“ (Z. 8) verweisen. Auch thematisiert der Autor die Tatsache, dass die Türkei ausreichende Mittel hat, um beispielsweise zweispurige Straßen zwischen Bodrum, Didim und Akbük[8] zu bauen, wenn er verkündet: „Sie haben die Straßen zweispurig gemacht“ (Z. 42). Im Gegensatz dazu stehen die ausbleibenden finanziellen Mittel für die Menschen, die immer noch auf der Flucht sind oder sogar sterben, da sie auf illegalen und lebensgefährlichen Wegen versuchen müssen, das Land zu verlassen.

Aber auch andere Ereignisse um Bodrum sind in dem Text integriert und verweisen auf das schwere Schicksal der Flüchtenden: Im September 2015 gab es eine folgenschwere Überschwemmung durch starke Regenfälle, bei der etliche Keller unter Wasser standen und Menschen aus ihren Häusern evakuiert wurden (Anter 2015).  Talu verweist darauf, dass die Flut auch die Flüchtenden traf, wenn „der Sand der Flut auf die Flüchtlinge zu[lief]“ (Z. 51), die von Bodrum aus weiter nach Europa gelangen wollten. „Auch“ (Z. 51) sie, so der Autor, wurden von der Flut getroffen, ebenso wie die Einwohner oder Touristen. Doch die Menschen, die sich auf der Flucht befinden, müssen sich auf dem Meer in noch größere Gefahr begeben, obwohl durch die Überflutung an Land ihre „Zelte [...] unter Wasser stehen“ und ihre „Kleidung [...] bereits nass ist“ (Z. 52). Die Flut traf die Flüchtenden nach Meinung des Autors daher besonders schwer, da sie nach der Zerstörung noch nicht in Sicherheit waren und ihnen die eigentliche Gefahr auf dem Meer erst bevorstand.

 

Innenpolitische Bezüge

Der Artikel ist neben der stetigen Thematisierung der Flüchtenden mit Bezügen zu der innenpolitischen Situation in der Türkei versehen, um die angespannte Lage des Landes zu verdeutlichen und die Spaltung der türkischen Gesellschaft zu demonstrieren. Die Türkei steht als direktes Nachbarland Syriens nicht nur vor der Herausforderung, mit der Flüchtlingskrise und dem Krieg in Syrien umzugehen, sondern auch vor erheblichen innenpolitischen Problemen. Talu verweist immer wieder auf einige innenpolitische Ereignisse in der Türkei. Hierbei geht es beispielsweise um gefallene türkische Soldaten, deren Eltern von Seiten Erdoğans gratuliert wird, da sie nun „Märtyrer-Eltern“ seien. Den Ruf des Märtyrers zu erlangen, sei laut Erdoğan ein Glück für die Familie und in der Türkei ist es üblich, die Opfer aller Gruppen als Märtyrer zu bezeichnen (Yücel 2015). Talu spielt in seinem Kommentar auf einen bestimmten Vorfall in der Türkei an, der sich im August 2015 ereignete. Als der Hauptmann Ali Alkan bei Kämpfen mit der PKK in Südostanatolien getötet wurde, empörte sich dessen Bruder bei der Beerdigung öffentlich über die Situation in der Türkei. Er empfand das Sterben seines Bruders als sinnlos und beanstandete, dass die Regierung erst eine Lösung in der Kurdenfrage suche und nun sogar von Krieg spreche. Nach der öffentlichen Ansprache wurde die gesamte Familie in den sozialen Medien dafür geächtet und sogar beschimpft. Der Vater, welcher auch als „‚Märtyrer-Vater‘“ (Z. 40, 41), „[der] von tiefer Trauer erfüllt ist“ (Z. 41), in Talus Text vorkommt, trat einige Tage später an die Öffentlichkeit und entschuldigte sich für seinen Sohn. Die Mütter der Gefallenen, die in der Türkei als „Märtyrer-Mütter“ bezeichnet werden, taten sich zu einer Gemeinschaft zusammen und trauerten gemeinsam an den Gräbern ihrer Söhne. Ob sie „Kurden, Türken, Tscherkessen, Aleviten oder Sunniten“ (CNN Türk 2015) sind, spielt hierbei keine Rolle. Außerdem bezieht sich Talu auf die Aussage von Erdoğan im September 2015, als dieser die trauernden Väter von Gefallenen als charakterlos bezeichnet haben soll (Haberi Kıta 2015. Siehe auch: Karşı Gazete 2015), und kritisiert damit Erdoğans Aussage.[9]

Des Weiteren spielt Talu auf einen Vorfall im Februar 2006 in Mersin an: Bei dem Besuch Erdoğans beschwerte sich ein Landwirt über die schlechten Verhältnisse auf dem Land und über die aus seiner Sicht problematische Agrarpolitik. Um zu bekräftigen, wie kritisch die Lage der Landwirte sei, habe der Landwirt das türkische Sprichwort „unsere Mütter weinen“ benutzt, woraufhin Erdoğan erwiderte: „Nimm‘ deine Mutter und hau‘ ab!“ (Hurriyet 2006. Siehe auch: Seibert 2009). Diese Äußerung des Ministerpräsidenten ist im Text von Talu wörtlich angeführt (Z. 39) und vorwurfsvoll konnotiert, aber nach Meinung des Autors „sogar noch harmlos“ (Z. 39), wenn es bei Beerdigungen zu Beleidigungen gegenüber trauernden Eltern kommt.

Ferner verweist der Autor auf die vielen Toten, die innerhalb der Türkei bei dem Kampf gegen die PKK sterben, seitdem die Regierung den Waffenstillstand mit der PKK im Juli aufgehoben hat, wenn er die „Leiche[n] Landkreis um Landkreis“ (Z. 45) erwähnt. Der Autor thematisiert damit die täglichen Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und der PKK im Südosten des Landes und rückt indirekt innenpolitische Entscheidungen in den Fokus (Tagesschau 2015). Um aufzuzeigen, welchen Meldungen in der Gesellschaft Bedeutung beigemessen wird, erwähnt der Autor das Unglück bei der Wallfahrt nach Mekka. Im September 2015 starben dort mehr als 700 Tote bei einer Massenpanik, was in den türkischen Medien präsent war (Milliyet 2015. Siehe auch: Haberler 2015). Mit dem Tod dieser Menschen sei die Bevölkerung beschäftigt, nicht jedoch mit dem Tod der Geflüchteten, stellt der Autor in einem erneuten Perspektivwechsel fest: „Wir sind zu beschäftigt[…]“ (Z. 44). Gleichzeitig verweist er auf den Egozentrismus der Individuen in der türkischGesellschaft, wenn er sich kurze Zeit später korrigiert und festhält: „[W]ir sind mit uns beschäftigt.“ (Z. 45)

Am Ende des Textes wird der Tod der achtjährigen Elif Şimşek aus Bismil (Diyarbakir) thematisiert, deren Elternhaus am 27. September 2015 bei Auseinandersetzungen zwischen der PKK und dem Militär von einer fehlgeleiteten Panzerfaust getroffen wurde. Elif verlor bei diesem Angriff ihr Leben (Hurriyet Daily News 2015. Siehe auch: T24 2015). Besonders bemerkenswert ist, dass der Artikel von Umur Talu einen Tag nach diesem tragischen Vorfall veröffentlicht wurde. Der Tod von Elif Şimşek und der Fund von Aylan Kurdi könnten gemeinsam der Anlass für den Autor gewesen sein, sich mit dem Thema der verstorbenen Kinder und den Problemen zu befassen, die zu diesem Zeitpunkt in der Türkei allgegenwärtig sind.

 

Halikarnas Balıkçısı

Den Höhepunkt des Beitrags bildet die Bezugnahme auf den Künstler und Schriftsteller Cevat Şakir Kabaağaçlı[10] und die Paraphrasierung einiger Verszeilen seines bekannten Gedichtes[11]. Die Tragik des Todes wird dem Leser hier mit der Änderung der letzten Verse in aller Deutlichkeit vor Augen geführt. Cevat Şakir wurde ca. 1890[12] in Girit geboren und starb 1973 in Izmir. Schon früh lernte er Englisch und bekam Privatunterricht, wodurch ihm der Weg für sein Studium der Geschichte an der Oxford University in England geebnet wurde. Die Geisteshaltung und das Wissen, welche er sich im Studium aneignete, beeinflussten seine Texte und Gedichte. Im Jahr 1925 wurde er vonseiten der Regierung wegen eines kritischen Essays ins Exil nach Bodrum und dann nach Istanbul verbannt. Da ihm die Schönheit der Küstenregion Bodrums so zugesagt hatte und er sich mit der Region identifizieren konnte, kehrte er 1928 nach der Verbüßung der Strafe mit seiner Familie dorthin zurück (Okay 2001: 1-15). Zusammen mit Freunden und Fischern unternahm Şakir Bootsreisen in der Ägäis, die er „mavi yolculuk“ (blaue Reise) nannte. Vor seinem Tod sollen seine letzten Worte ein Gedicht über Bodrum gewesen sein (Sabah 2015), welches Talu in seinem Text in abgeänderter Form integriert. Zunächst wird aber das Exilleben Şakirs thematisiert, wenn Talu feststellt, dass Bodrum aus der „‚Strafe‘ etwas Schönes, das ‚Blaue‘“ (Z. 58) herausgeholt hat. Mit der Farbe Blau ist darüber hinaus der direkte Bezug zu Şakirs Werk „Mavi Sürgün“ hergestellt.[13] Talu kündigt die Paraphrasierung der Verszeilen an und ändert den letzten Vers, womit verdeutlicht wird, dass Bodrum nun kein Ort der Schönheit mehr ist, der einem die Sinne raubt oder an dem man seinen Verstand verliert. Bodrum ist durch die Flüchtlingskrise zu einem Ort geworden, an dem Kinder ihre Leben verlieren, „ihr Leben zurück[lassen]“ (Z. 64). Die „blaue Reise“ (Z. 70), auf die Talu außerdem anspielt, wird in Bodrum inzwischen für Touristen angeboten, die mit Motorsegelyachten oder kleinen Booten die Inseln rund um Bodrum erkunden können (Ruch 2014). Hierbei wird der starke Kontrast zwischen den Reisen, die die Touristen machen, und der Reise der Flüchtenden deutlich, die schlussendlich „zum Ertrinken“ (Z. 70) führt.

 

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[1] An dieser und den folgenden Stellen, an denen aus der Übersetzung zitiert wird, stehen die Zeilennummern aus der Übersetzung in Klammern. Vgl. S. 3 dieses Kommentars.

[2] Hier lässt sich anmerken, dass Talu unter den Führungsspitzen den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan aufzählt, ihn jedoch weder an erster Stelle erwähnt noch ihm eine besondere Bedeutung zukommen lässt, obwohl dies eigentlich zu erwarten wäre. Auffallend ist auch, dass Erdoğan insgesamt nur einmal erwähnt wird, wodurch Talu nicht nur dem türkischen Ministerpräsidenten den Vorwurf macht, dem Tod der vielen Kinder keine Bedeutung beizumessen, sondern seine Kritik weiter gefasst ist und sich auch gegen die Machtinhaber anderer Staaten richtet. Der Autor behandelt nicht nur den Tod der Kinder auf der Flucht, sondern auch den der Kinder, die in der Türkei bei innenpolitischen Kämpfen ums Leben kamen.

[3] Aylan Kurdis Familie war aus der syrischen Stadt Kobane vor der Terrormiliz IS geflohen und wollte nach Kanada zu Verwandten weiterreisen. Die Türkei ließ die Familie jedoch nicht legal ausreisen, da ihre Papiere für unzulänglich gehalten wurden. Mit der Hilfe von Schleusern wollten Aylans Eltern mit ihm und seinem fünfjähriger Bruder in einem Schlauchboot zu der griechischen Insel Kos gelangen. Insgesamt befanden sich 17 Personen auf dem Boot. 12 Menschen, darunter Aylan Kurdi und 7 weitere Kinder, ertranken, nachdem das Boot Leck schlug und kenterte. Aylans Vater ist der einzige Überlebende der Familie. Der Leichnam Aylans wurde am Morgen von der Fotojournalistin Nilüfer Demir fotografiert, die den leblosen Körper auf dem Sand am Ufer liegen sah. Vgl. Tagesschau 2015

[4] Zur Legende des Hermias vgl. Usener 1899: 166.

[5] Vgl. Z. 25, 28, 31 der Übersetzung.

[6] Der Fall Aylan Kurdi erscheint in den englischsprachigen Medien unter „Humanity washed ashore“ (vgl. als Beispiel Koehler 2015).

[7] Vgl. Z. 26 der Übersetzung.

[8] Für nähere Informationen vgl. Haberler 2012.

[8] Vgl. Z. 41 der Übersetzung.

[9] In der Forschungsliteratur wird er hauptsächlich Cevat Şakir genannt. Vgl. Okay: 2001.

[10] Das Gedicht hat keinen Titel, da es sich angeblich um seine letzten Worte vor dem Tod handelt. Vgl. „Cevat Şakir Kabaağaçlı'nın ölmeden önce söylediği son sözler“ (Sabah 2015).

[11] Das Geburtsjahr ist nicht genau bekannt.

[12] Für weitere Informationen über sein literarisches Werk in Bodrum siehe: Halikarnas Balıkçısı 1979.

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