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Geschichte des Orientalischen Seminars

Das Orientalische Seminar

Das heutige Orientalische Seminar wurde formal im Jahre 1949 gegründet, doch reichen die Anfänge der Orientalistik an der Universität Freiburg sehr viel weiter zurück. Schon Ende des 19. Jahrhunderts traten verschiedene orientalistische Disziplinen aus dem Schatten der Theologie heraus, wie das Wirken von S. Hermann Reckendorf (1864–1924) und Joseph Schacht (1902–1969) in der Arabistik, von Ernst Leumann (1859–1931) in der Indologie und Hermann Kees (1886–1964) in der Ägyptologie zeigt. Die 1932 durch den Nationalsozialismus bedingte Karenz der Freiburger Orientalistik endete 1949, als mit Oluf Krückmann ein Wissenschaftler berufen wurde, der in seiner Person noch die ganze Welt der Vorderen Orients vereinte: Die Keilschriftsprachen ebenso wie die Ägyptologie und die Islamwissenschaft.

Angesichts des Erkenntnisfortschritts, der von der internationalen Forschung immer schneller vorangetrieben wurde, erkannte Krückmann schon in den 50er Jahren, dass die Orientalistik nicht länger allein von einem Wissenschaftler fachgerecht und zeitgemäß gepflegt werden konnte. Aus dieser Einsicht entwickelten sich folgerichtig die beiden Ordinariate für Altorientalistik und Islamwissenschaft, die bis heute die Grundsäulen des Orientalischen Seminars in Freiburg darstellen. So war es nur konsequent, dass im Jahre 1962 Hans Robert Roemer berufen wurde, der mit der Vertretung der islamischen Grundsprachen Arabisch, Persisch und Türkisch die Ausformung der modernen Islamwissenschaft modellhaft und zukunftsweisend vorwegnahm.

Krückmann und Roemer waren sich von Anfang an einig, dass im modernen Konzept eines Orientalischen Seminars der Raum Indien und Südostasien nicht ausgespart bleiben dürfe. Deshalb wurden nur wenige Jahre später Ullrich Schneider für die Indologie und Ulrich Unger für die Sinologie aus der traditionsreichen Leipziger Orientalistenschule nach Freiburg geholt. Der Ausbau der orientalistischen Fächer passte nicht nur in die hochschulpolitische, sondern auch in die allgemeine politische Landschaft der 60er und 70er Jahre, war doch die Bedeutung des Orients durch Suez-Krise, Sechstagekrieg, Ölkrise etc. erst ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit geraten.

Dabei war Krückmann wie auch Roemer bewusst, dass der personelle Ausbau des Seminars nur durch eine konsequente Ausbildung und Förderung des eigenen wissenschaftlichen Nachwuchses zu realisieren war. So konnten sich im Bereich der Altorientalistik mit der Habilitation von K. Hecker die Assyriologie, mit Arnold M. Goldberg die Judaistik, mit Mark A. Brandes die Vorderasiatische Archäologie und mit Horst Steible die Sumerologie etablieren, ebenso wie im Fachbereich Islamwissenschaft mit der Habilitation von Ulrich Haarmann die Arabistik, mit Joseph Matuz die Turkologie und mit Erika Glassen und Bert Fragner die Iranistik in Forschung und Lehre an Profil gewonnen haben.

Nach der Emeritierung von Hans Robert Roemer entschied sich das Seminar ganz bewusst, den Entwicklungen der Zeit – insbesondere der Herausforderung des neuen islamischen Selbstverständnisses – dadurch gerecht zu werden, dass der Lehrstuhl auf den modernen Islam ausgerichtet werden sollte. Der damals aus Hamburg berufene Werner Ende stellte dann auch die aktuellen Probleme des Islam im Vorderen Orient - insbesondere im Irak und in Saudi-Arabien - ins Zentrum. Die Schüler, die aus seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit in Freiburg hervorgingen, nehmen heute wichtige Positionen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ein. Ergänzend zu seinem Forschungsschwerpunkt konnte mit Ulrich Rebstock als Nachfolger von Ulrich Haarmann ein Experte für den frühen und mittelalterlichen Islam gewonnen werden, der neben der arabischen Welt auch den afrikanischen Raum einbezog.

Bei der Wiederbesetzung der Turkologenstelle nach dem Ausscheiden von Joseph Matuz gab es in kurzer Zeit gleich einen mehrfachen Wechsel. Auf den Osmanisten Michael Ursinus, der inzwischen den Lehrstuhl in Heidelberg innehat, folgte Ingeborg Baldauf, die nach kurzer Zeit auf das Ordinariat der Humboldt-Universität Berlin berufen wurde. Ihr Nachfolger wurde Jens Peter Laut, ein Fachmann für die Geschichte der Türksprachen, der nicht nur die moderne Türkei, sondern auch die Türksprachen Zentralasiens und die vorislamischen Religionen der Türken ins Zentrum seiner Forschungen gerückt hat. Die Iranistik hat mit der Wegberufung von Bert Fragner und nach dem Ausscheiden von Erika Glassen eine schmerzliche Einbuße erlitten, fiel damit doch die Professorenstelle den universitären Streichungsauflagen zum Opfer. Roswitha Badry füllt seit ihrer Habilitation diese Lücke im Rahmen ihrer Lehrverpflichtungen aus. Zudem wurde die Iranistik durch die Schaffung einer Junior-Professur mit Christoph Werner verstärkt. Nachdem Werner Ende in seiner fast zwanzigjährigen Tätigkeit in Freiburg der Islamwissenschaft ein neues, international hoch geachtetes Profil verliehen hatte, konnte die Kontinuität dadurch gewährleistet werden, dass der Nachfolger Maurus Reinkowski seinen Schwerpunkt im modernen Islam sieht und zugleich auch der Osmanistik mit den Schwerpunkten arabischer Raum und Balkan verpflichtet ist.

Der Zeit der Expansion in den 60er und 70er Jahren folgte eine Etappe der Konsolidierung und Neuorientierung. Dies ist nicht nur für die Sinologie, sondern vor allem auch für die Indologie festzuhalten, wo nach der Wegberufung von Ulrich Schneider nach Münster Oskar von Hinüber den Schwerpunkt auf die mittelindischen Sprachen in enger Verbindung mit dem Buddhismus setzte. Trotz geringer Ressourcen konnte nicht zuletzt durch die Einbeziehung der in Freiburg habilitierten Indologen Harry Falk und Thomas Oberlies, beide inzwischen Ordinarien in Berlin bzw. Göttingen, ein breit gefächertes Lehrangebot gewährleistet werden. Die Freiburger Indologie genießt international nicht nur ein hohes, sondern höchstes Ansehen. Umso beklagenswerter ist es, dass mit dem Ausscheiden von Oskar von Hinüber die Stelle zum 31. März 2006 gestrichen wurde und das Fach Indologie an der Universität Freiburg damit entfällt. Nicht nur für das Orientalische Seminar, sondern auch für die Nachbardisziplinen, insbesondere die Sprachwissenschaft, ist dieser Verlust unersetzlich.

Während für den Raum Süd- und Ostasien nach der Wegberufung von Ulrich Unger nach Münster im Jahre 1966 bereits 1970 mit Nelly Naumann die Japanologie eingerichtet werden konnte, dauerte die Karenz in der Sinologie letztendlich bis 1980, als Peter Greiner zum Professor für Sinologie ernannt wurde. Seit der Pensionierung von Nelly Naumann, 1984, wird das Japanische nur noch durch ein halbes Lektorat betrieben, wohingegen die Sinologie 1989 mit der Berufung von Harro von Senger, der seinen Arbeitsschwerpunkt im chinesischen Recht hat, eine Verstärkung erfahren hat.

Auch in der Altorientalistik setzte mit der Emeritierung von Oluf Krückmann und der Berufung von Burkhart Kienast eine Neuorientierung ein. Hatte Krückmanns Interesse vor allem den epochalen Übergängen in der Sprach-, Schrift- und Kulturgeschichte des Orients in seiner gesamten geographischen Breite gegolten, so konzentrierte sein Nachfolger Burkhart Kienast den Blick auf Mesopotamien und Nordsyrien mit dem Schwerpunkt des frühen Akkadischen und der Rechtsgeschichte des 2. Jahrtausends v. Chr., während die Semitistik nur noch marginal behandelt wurde und die Ägyptologie schließlich ganz entfiel, obwohl mit der Habilitation von Erhart Graefe noch einmal der Versuch unternommen worden war, die Ägyptologie am Orientalischen Seminar in Freiburg anzusiedeln. Hingegen konn­te die Judaistik auch nach der Berufung von Arnold Goldberg nach Frankfurt in Freiburg gehalten werden, da Felix Böhl nach seiner Habilitation im Jahre 1980 schließlich die Nachfolge antreten konnte. Nach seiner Pensionierung legt die jüngst Neuberufene Gabrielle Oberhänsli-Widmer nunmehr den Schwerpunkt auf die jüdische Kulturgeschichte und die zeitgenössische israelische Literatur.

Eine schwierige Situation für die Altorientalistik entstand, als mit der Emeritierung von Burkhart Kienast und dem gleichzeitigen Ausscheiden von Mark A. Brandes, dem Fachvertreter für die Vorderasiatische Archäologie, der Verlust dieses Faches drohte – eine Aussicht, die für die Altorientalistik schlechterdings unvorstellbar erschien, da Altorientalische Philologie und Vorderasiatische Archäologie, wenn auch zwei eigenständige und voneinander unabhängige Disziplinen, aufs engste zusammengehören. So war es nur konsequent, dass die Philologie sich bereit fand, eine Professur – in diesem Falle das Ordinariat – umzuwidmen, um die Erhaltung der Vorderasiatischen Archäologie zu sichern. Die Universität hat diesen Vorschlag umgesetzt und Marlies Heinz aus Berlin auf diesen Lehrstuhl berufen. Die feste Verankerung der Vorderasiatischen Archäologie im Orientalischen Seminar führte zu einer fruchtbaren Verzahnung der verschiedenen Archäologien an unserer Universität und einem anregenden Austausch der Informationen aus archäologischen Befunden und schriftlichen Quellen. Überdies hat Marlies Heinz mit ihrem theoretischen Ansatz eine merkliche Umorientierung herbeigeführt. Der Preis für diese Umwidmung war freilich, dass sich seither die Altorientalische Philologie jetzt nur noch mit einem Fachvertreter begnügen muss, der mit Horst Steible den Forschungsschwerpunkt auf Mesopotamien im 3. Jahrtausend v. Chr. legt.

Die fachliche und personelle Entwicklung findet ihre Entsprechung in der räumlichen Ausweitung des Orientalischen Seminars. War das Seminar in den 50er Jahren noch auf zwei bescheidene Räume in einem Anwesen am Werderring beschränkt, so brachte der Umzug in das neu erbaute KG II Anfang der 60er Jahre eine erhebliche Erweiterung der räumlichen Kapazitäten, die aber ebenfalls nicht mehr ausreichten, als im Zuge des Ausbaus die Islamwissenschaft die Indologie und die Sinologie als eigene Fächer hinzukamen, was eine räumliche Auslagerung in den Peterhof und in das Haus in der Mozartstraße 30 zur Folge hatte. In dieser Zeit entstand in Freiburg das Konzept, die einzelnen orientalistischen Fächer nicht in eigenen Instituten einzurichten, sondern diese in einem Orientalischen Seminar unter einem Dach zu vereinen. Dieses Konzept wurde schließlich 1970 mit dem Umzug des gesamten Orientalischen Seminars in das 1. Obergeschoß des KG III nicht nur umgesetzt, sondern bis heute mit den weiteren Räumen in der Innenstadt (Kaiser-Joseph-Str. 239 und Belfortstr. 20) erweitert. Ein solches Konzept entsprach und entspricht nicht nur dem Kriterium der wirtschaftlichen Effizienz, sondern vor allem dem Prinzip der interdisziplinären Zusammenarbeit, das bis heute als das Freiburger Modell gilt, das in Deutschland vielfach nachzuahmen versucht, aber niemals erreicht wurde.

Horst Steible

Orientalisches Seminar

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