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Artikel im Original: Habertürk, Türkei, 28.09.2015

Übersetzung

1Im Gegensatz zu einem Kind wissen sie nichts über den Tod!
 Das Leben und der Tod, beladen mit so vielen Widersprüchen, werden wie ein Schlauchboot auf den Wellen umhergerissen.
 Wenn die Rettungsweste etwas taugt, bedeutet es „Leben“
 Wenn du jedoch in einer Kajüte eingeklemmt bist, das Boot ein Leck hat, du ein Kind und schutzlos
2bist, jene Rettungsweste unbrauchbar ist und dir der „Tod“ ohnehin seit Tagen und über weite
 Strecken im Nacken saß, ist es dort in diesem Moment vorbei!
 ***
 Die Passagierflugzeuge aus Bodrum sind überfüllt…
 Bodrum ist mit Flüchtenden überfüllt.
10Natürlich sind die Passagiere, die an erster Stelle stehen, nicht für jene Flüchtenden verantwortlich,
 die an zweiter Stelle stehen. Aber einerseits schickt die glanzvolle Ägäis den Wind in Richtung der „griechischen Inseln“, für die Boote, die mit gesetzten Segeln und angeworfenem Motor wie ein Schwan von Bucht zu Bucht dahingleiten…
 Andererseits brechen ihre Wellen auf der gleichen Reise immer wieder an einem Schlauchboot und
15alten Schiffen, auf denen die Auswanderer auf ihrer Reise, dicht aneinander gepresst, eingepfercht sind.
 Während die Führungsspitzen der USA, Russland, und so weiter, „die großen Staatsmänner“ große Reden schwingen…
 Sinkt Boot um Boot, Schiff um Schiff auf den Grund [der Ägäis]…
20Wie schnell sich Bodrum, die griechischen Inseln oder die himmelblaue Ägäis vom „Urlaubsort“ zum „Tatort“ verwandelt haben.
 ***
 „Noch ein Schiff“, sagten sie; 17 Menschen, von denen 5 Kinder waren, schafften es nicht aus der Kajüte.
25Aylan liegt dort jeden Tag, aber die weit aufgerissenen Augen und mitfühlenden Herzen, die ihn sahen, sind inzwischen in ihren Alltag zurückgekehrt.
 Wir kennen die Namen der fünf Kinder nicht.
 Seit Aylan nenne ich sie alle „Hermias“.
 Der Legende nach soll er vor 3000 Jahren auf den Grund Bodrums von Güllük aus auf das Meer
30gelangt und auf dem Rücken eines Delphins geritten sein. Danach wurde eines Morgens
 an der Küste sein nasser Leichnam, wie der von Aylan, mit einem toten Delphin an seiner Seite gefunden. Von da an war es dieses Kind, dessen Denkmal in Güllük errichtet wurde!
 ***
 Sie haben Recht, unsere Gedanken im Kopf überschlagen sich: Es geht sowohl um die Reisen in den
35Urlaub als auch um die Reisen, bei denen es keine Rückkehr mehr gibt.
 Als sich eine Mutter über den Tod ihres Sohnes, des „gefallenen Majors“[1] empörte, wurde sie vom „Wach- Regiment“ sogar „verbal“ gelyncht!
 „Nimm deine Mutter und hau ab“[2] ist dabei sogar noch harmlos, wenn man auf einem Platz die Mutter ausbuht, auf eine qualerfüllte „Märtyrer- Mutter“ schimpft und dem „Märtyrer- Vater“,
40welcher von tiefer Trauer erfüllt ist, „Charakterlosigkeit“ unterstellt.
 Wir sind beschäftigt, geliebte Hermiase; „Sie haben die Straßen zweispurig gemacht“, aber die Reisen auf den Wegen fordern immer noch mehrere dutzend Tote.
 Wir sind zu beschäftigt, ihr, die ihr nicht aus der Kajüte entfliehen konntet; eine Leiche von der Wallfahrt, eine Leiche Landkreis um Landkreis, doch wir sind mit uns beschäftigt.
45Von den Küsten, vom Land und aus der Luft, der Tod hat sich so stark an uns geklebt…
 Weder schaffst du es, dich von den nassen Leibern der Kinder zu lösen, noch bist du dazu in der Lage, die in Fahnen gewickelten Särge aufzuhalten oder etwa die Toten zu zählen, deren Namen unbekannt sind und von denen es keine Leiche gibt.
 ***
50Auch der Sand der Flut lief auf die Flüchtlinge zu.
 Zelte, die unter Wasser stehen und Kleidung, die bereits nass ist, obwohl man noch nicht auf das Meer gelangt ist.
 Und dann noch das Geflüster:
 Die Schlauchboote sind durchlöchert… Viele Rettungswesten, die verkauft werden, beinhalten
55gewöhnlichen Schaumstoff… Einen Platz in der Leichenhalle… gibt es den?
 

Bodrum hat aus einer „Verbannung“ ein Wunder, und aus einer „Strafe“ das „Blaue“ herausgeholt.[3]

 Es scheint, „Halikarnas Balıkçısı“ schlage uns vor, dass wir für „die Kinder, die an der Küste stranden“ sein Gedicht umändern sollten:
60„Wenn du an den Anfang des Hangs gelangst… Wirst du Bodrum erblicken… Glaube nicht… Dass du
 es so verlässt, wie du ankamst… Diejenigen vor deiner Zeit waren so wie du… Sie verließen Bodrum zwar, ließen jedoch ihren Verstand zurück“ schrieb er.
 Das, was wir den Kindern hinterherrufen können, ist bloß folgendes: „Sie ließen jedoch ihr Leben zurück.“
65Einer der wundersamsten Widersprüche auf Erden sollte dieser sein:
 Es sollte einen Hafen geben, für das himmelblaue Paradies und die dunkle Hölle, in die die Kinder fallen, fliegen und flüchten.
 Die blaue Reise führt von der Flucht zum Ertrinken!
 ***
70Assad, Obama, Putin, Erdogan, die Könige, die Sultane, die Herrschaften… wer auch immer die Großen sind, sie alle wissen Alles.
 Vom Tod jedoch haben sie, im Gegensatz zu den winzigen Kindern, nicht die geringste Ahnung!
 Die 8- jährige Elif aus Bismil[4] erzählt, wie alle toten Kinder, mit riesengroßen Worten über den Tod, „wo immer dieser auch herkommt“. Die Herrschaften kennen ihn jedoch nicht, verstehen ihn
75 überhaupt nicht, denn ihre Köpfe und Herzen sind nicht empfänglich dafür!


 


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[1] In den nächsten beiden Abschnitten erfolgen Anspielungen auf gefallene Soldaten, die vonseiten der türkischen Regierung als Märtyrer gefeiert werden. Insbesondere werden Beschimpfungen gegenüber Angehörigen eines gefallen Majors thematisiert, nachdem sich der Bruder des Verstorbenen öffentlich über die Politik der Regierung beschwerte. Vgl. genauer unter „Innenpolitische Bezüge“  im Kommentar.

[2] Dieser Ausspruch wurde von Erdoğan gegenüber einem Landwirt geäußert, der sich über die Agrarpolitik der Regierung beschwerte. Vgl. genauer unter „Innenpolitische Bezüge“ im Kommentar.

[3] Hier erfolgt die Anspielung auf die Memoiren „Mavi Sürgün“ (‚Das blaue Exil‘) des Literaten Cevat Şakir Kabaağaçlı, der in der türkischen Literaturwissenschaft mit dem Künstlernamen „Halikarnas Balıkçısı“ (‚der Fischer von Halikarnassos‘) bekannt ist. Seinen Künstlernamen, „Fischer von Halikarnassos“, gab sich der Schriftsteller nach dem Namen der antiken Stadt Halikarnassos, die sich auf dem heutigen Gebiet Bodrums befand. Sie thematisieren sein Exilleben in Bodrum, in dem er sich so sehr für die Region und das Meer begeistern konnte, dass sich schließlich die einstige Strafe in eine persönliche Bereicherung wandelte. Vgl. genauer unter „Halikarnas Balıkçısı“ im Kommentar.

[4] Hier erfolgt die Anspielung auf den Tod der achtjährigen Elif, die bei einem Gefecht zwischen dem türkischen Militär und der PKK in ihrem Elternhaus in der Stadt Bismil (Diyarbakir) ums Leben kam. Vgl. genauer unter „Innenpolitische Bezüge“ im Kommentar.

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