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Sprache

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Sprachliche Mittel

Wie bereits in der Einleitung erwähnt, bedient sich Talu in seinem Beitrag verschiedener literarischer Stilmittel, Wortspiele und Allegorien. Außerdem intensivieren die rote Schriftfarbe und das Hervorheben von Wörtern, welche für die Artikel des Autors charakteristisch sind, die Aussagekraft einzelner Abschnitte oder Ausdrücke. Im Folgenden sollen einige der sprachlichen Mittel in den Blick genommen werden, da sie maßgeblich dazu beitragen, die Aussagen im Text zu intensivieren und ihnen einen starken Ausdruck zu verleihen.

Der Autor beginnt den Artikel mit einem Vergleich zwischen einem Schlauchboot mit dem Leben und dem Tod, die „auf den Wellen umhergerissen“ (Z. 2) werden. Ebenso unsicher wie ein Schlauchboot, das schnell Leck schlagen und kentern kann, so bedroht ist auch das Leben der Flüchtenden auf der Überfahrt zu den griechischen Inseln. Durch das Hervorheben der Wörter „Leben“ (Z. 3) und „Tod“ (Z. 5) wird im nächsten Abschnitt ihre Entgegensetzung besonders betont.

Talu unternimmt viele Perspektivwechsel und schafft damit eine große Nähe zu den Lesern. Durch die direkte Ansprache des Lesers verstärkt sich die Wirkung der Aussagen und führt dazu, dass sich der einzelne Leser mit den Flüchtenden identifiziert: „Wenn du jedoch in einer Kajüte eingeklemmt bist […], du ein Kind und schutzlos bist […]“ (Z. 4, 5). Vor allem am Ende des Kommentars erfolgt durch die Feststellung, dass „du“ (Z. 4) es nicht schaffst, „dich von den nassen Leibern der Kinder zu lösen“ (Z.47), der direkte Vorwurf, sich seiner Verantwortung für die flüchtenden Kinder entzogen zu haben. Genauer wird dem Leser damit deutlich, dass der Tod der Kinder immer weitergeht, also allgegenwärtig ist und dadurch auch nie in Vergessenheit geraten kann. Ferner ist in dem Kommentar oft von „wir“ (Z. 42, 44, 45, 60, 65) und „uns“ (Z. 35, 45, 46, 60) die Rede, womit der Leser die türkische Gesellschaft meint, die den Tod der Kinder zwar bewusst wahrnimmt, aber nichts aktiv dagegen unternimmt. Durch die Metapher, der Tod habe sich „an uns geklebt“ (Z. 46) wird veranschaulicht, dass sich die Bevölkerung weder von den Nachrichten der vielen Toten lösen kann noch verhindert werden kann, dass diese Nachrichten zukünftig aufkommen. Darüber hinaus wird wieder auf die Schuld der Gesellschaft angespielt, da der Tod der unschuldigen Menschen „[an]geklebt“ (Z. 46), fast wie ein Mahnmal, nicht mehr zu entfernen ist.

Ferner wird durch die Wiederholung von teilweise sich reimenden syntaktischen Strukturen innerhalb der Feststellungen ein besonders starker Kontrast gebildet: „Die Passagierflugzeuge aus Bodrum sind überfüllt… Bodrum ist mit Flüchtlingen überfüllt.“[1] (Z. 7, 8). Auf diese Weise erfolgt der starke Kontrast zwischen den Urlaubern, die Bodrum auf der einen Seite als Ferienort erleben, und den Flüchtenden, die auf der anderen Seite vor Krieg und Verfolgung nach Bodrum fliehen. Reime spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, da der Autor diese nutzt, um Kontraste hervorzuheben und besonders stark zu konfrontieren. So wird “tatil” (Urlaub, Ferien) und “katil” (mörderisch) aneinandergereiht, wodurch dem Leser noch stärker vor Augen geführt wird, wie sich die Orte an der Ägäis von einem Urlaubsparadies, wo Erholung und Vergnügen im Vordergrund stehen, zu Orten gewandelt haben, an denen Leichen an Land gespült werden und das Leid der Geflüchteten tagtäglich zu beobachten ist. Durch den reinen Reim sind die Worte im Türkischen also fast identisch und unterstreichen dadurch, wie nah in Bodrum Freude und Leid beieinander liegen, obwohl sie eigentlich einen extremen Gegensatz darstellen. Außerdem spielt der Autor mit syntaktischen Strukturen und fügt eine Wortwiederholungen ein, um den Aussagen mehr Nachdruck zu verleihen, wenn er schreibt: duble yollar yaptılar, ama yollarda ölmeye devam, onar onar.” (“‘Sie haben die Straßen zweispurig gemacht‘, aber die Reisen auf den Wegen fordern immer noch mehrere dutzend Tote.“ Z. 42, 43) Anstelle des Plurals werden Wortdopplungen verwendet, um den Inhalt zu intensivieren. Statt “Botlar ve tekneler” (Boote und Schiffe) schreibt Talu: “bot bot üzerine, tekne tekne dibine düşüyor.“ (Boot um Boot, Schiff um Schiff. Z. 19)

Um die toten Flüchtenden mit dem lebenden Leser gleichzustellen und ihn dadurch daran zu erinnern, dass auch die Verstorbenen einmal „Leser“ waren, spricht Talu die Verunglückten direkt an: „geliebte Hermiase“ (Z. 42), „ihr, die ihr nicht aus der Kajüte entfliehen konntet“ (Z. 44). So sind die verstorbenen Flüchtenden nicht mehr anonymisiert, sondern Gesprächspartner. Die Flüchtenden, die nach Meinung Talus vonseiten der türkischen Gesellschaft als unwichtig erachtet werden und für die sie „zu beschäftigt“ (Z. 44) sind, werden als Individuen stärker in das Bewusstsein gerückt und förmlich zum Leben erweckt.

Die Überflutung Bodrums, auf die bereits verwiesen wurde, kann als Sinnbild für die Flut der Flüchtlinge interpretiert werden. Bodrum wird demnach nicht nur von den Wassermassen einer Flut überschwemmt, sondern auch von schutzsuchenden Menschen, die aus ihren Heimatländern fliehen. Der Begriff „Flüchtlingswelle“ wird vor allem in den deutschen Medien sehr häufig genutzt, um die steigende Zahl der Flüchtenden zum Ausdruck zu bringen.[2] Talu macht darüber hinaus auch deutlich, dass sich die Überflutung in Bodrum wie eine Katastrophe auf die Flüchtenden ausgewirkt hat; „der Sand der Flut“ (Z. 51) muss sinnbildlich für die Erschwernisse gesehen werden, mit welchen die Flüchtenden durch die Wassermassen konfrontiert waren.

Der Autor fordert: „Es sollte einen Hafen geben, für das himmelblaue Paradies und die dunkle Hölle, in die die Kinder fallen, fliegen und flüchten.“ (Z. 68, 69) In der Metapher des Hafens fordert er Gleichberechtigung und verlangt einen gemeinsamen Hafen für alle Kinder, die nach Bodrum kommen. Dabei betont er die Gegensätzlichkeit Bodrums mit der Gegenüberstellung vom „himmelblaue[n] Paradies“ und der „dunkle[n] Hölle.“ Durch die Wahl der kontrastiven Adjektive wird der Gegensatz dabei zusätzlich verstärkt: Helligkeit und Dunkelheit kommen am gleichen Ort zusammen. Einerseits befinden sich in Bodrum Kinder, die dorthin als Urlauber mit ihren Familien in „Passagierflugzeugen“ (Z. 8) anreisen und andererseits „flüchten“ Kinder nach Bodrum vor dem Krieg und „fallen“ in die „dunkle Hölle“, da sie die Überfahrt auf dem Meer nicht überleben. Obwohl der Ort mit solchen Widersprüchen beladen ist, sollte es nach Ansicht des Autors ein sicherer Hafen für alle Kinder sein. Doch die „Reise“ führt zum „Ertrinken“ (Z. 70), da es keinen sicheren Ort für die flüchtenden Kinder gibt.

Das Wort „Reise“ spielt in dem Artikel ebenso eine besondere Rolle, da es der Autor gezielt einsetzt und damit verdeutlicht, dass es sowohl die touristischen Reisen in das paradiesische Bodrum gibt als auch die Reisen der Flüchtenden nach Bodrum, die mit dem Tod enden können. Während die Touristen mit Segelschiffen auf der Reise sind, sind die Flüchtenden in den Schlauchbooten ebenfalls „Reisende“[3].

Im letzten Abschnitt des Textes bildet der Autor durch seine Wortwahl starke Kontraste, wenn die „Großen“ (Z.73) im Gegensatz zu den „winzigen“ (Z. 74) Kindern nichts über den Tod wissen. Die gleichen „winzigen“ Kinder berichten mit „riesengroßen Worten über den Tod“ (Z. 76, 77). und stehen im starken Kontrast zu jenen, die „große Reden schwingen“ (Z. 18). Um zu intensivieren, dass die Politiker „Assad, Obama, Putin, Erdoğan, die Könige, die Sultane, die Herrschaften… wer auch immer die Großen sind“ (Z. 72, 73), dem Tod der Kinder nicht genug Bedeutung beimessen, personifiziert er den Tod immer wieder[4] und beschreibt ihn wie eine Person, die die Herrscher nicht verstehen oder gar kennen. Den Schlusspunkt bildet nicht nur das Versagen der „Großen“, sondern auch ihr Unvermögen, den Tod der flüchtenden Kinder zu verhindern. Die Metapher „[…] denn ihre Köpfe und Herzen sind nicht empfänglich dafür“ (Z. 78, 79) beschreibt sogar, dass „die Großen […] wer auch immer die Großen sind“ (Z. 72, 72), weder den Verstand und die Vernunft noch die Emotion und das Mitgefühl für den Tod der flüchtenden Kinder haben.

 

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[1] An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass bei der Übersetzung aus dem Türkischen weder die Anapher „Bodrum“ noch der Reim berücksichtigt werden konnten. Vgl. „Bodrum`dan uçaklar dolu.../ Bodrum`dan kaçaklar dolu.” Z. 6,7 des Artikels.

[2] Vgl. hierzu: Oberthema „Flüchtlingswelle“ auf Stern.de. Siehe auch: Brauer 2016. Siehe außerdem: Köcher 2016.

[3] Vgl. „göçmen yolcularına“ Z. 12, 13 des Artikels.

[4] Vgl. die Überschrift und außerdem: „dir der Tod […] im Nacken saß“ Z. 5, „der Tod hat sich […] an uns geklebt“ Z. 47 und „die Herrschaften kennen ihn jedoch nicht“ Z. 78.


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