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Der Krieg in Syrien

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Allgemeines zur Bevölkerungsstruktur

In Bezug auf die Bevölkerungsstruktur kann Syrien sowohl aus ethnischer als auch aus religiöser Perspektive als ein äußerst heterogenes Land bezeichnet werden. Einen sehr genauen Überblick mit detaillierten Hintergrundinformationen hierzu vermittelt das Onlinepotral The World Factbook der CIA. Hier werden umfangreiche Informationen über alle Länder der Erde zusammengetragen. Es ergibt sich ein zuverlässiger Überblick insbesondere über Zahlen und Fakten hinsichtlich der Bevölkerungsstruktur und der geografischen Gegebenheiten. Vgl. World Factbook – Syria.

Der syrische Bürgerkrieg spiegelt in seiner Komplexität die Heterogenität von Land und Bevölkerung wieder und ist ohne einen Hinweis auf die daraus erwachsenen Besonderheiten seriös nicht darzustellen. Neben der ethnischen Vielfalt - die schließlich dazu führte, dass die kurdische Bevölkerung des Nordens eine eigene Fraktion im Konflikt stellt - ist der Verweis auf die religiöse Fragmentierung des Landes von Bedeutung. Im Falle Syriens besitzt diese eine politische Dimension, die in anderen Ländern der arabischen Welt, in denen es im Zuge des "Arabischen Frühlings" ebenfalls zu Protesten kam, so nicht vorzufinden ist: Zwar sind etwa 70% der syrischen Bevölkerung dem sunnitischen Islam zuzuordnen, die Machtpositionen innerhalb des Regimes und Militärs sind jedoch weitgehend von Angehörigen der Religionsgruppe der Alawiten besetzt, die etwa 12% der syrischen Bevölkerung stellen. Der Konflikt hatte somit von Beginn an eine religiöse Dimension, die sich bis zum heutigen Tage (etwa durch das Eingreifen der schiitischen "Hizbolllah" und des Aufkommens des fundamentalistisch-sunnitischen "Islamischen Staates") noch verfestigt hat. Gleichwohl darf der Konflikt nicht auf diese Dimension reduziert werden, wie Christopher Phillips in seiner Arbeit über "Sectarianism and Conflict in Syria" herausstreicht: "[...] the conflict is 'semi-sectarian', given the multiple other fault lines of contention, notably class, ideology and other non-sect, sub-state ties." (Phillips, Sectarianism and Conflict in Syria, 2015, S. 357)

Einer ähnlichen Argumentation folgt Khaldoun Khashanah, der in seinem Aufsatz "The Syrian Crisis: A Systematic Framework" versucht, ein "ideologisches Diagramm" zu erstellen, das die Begriffe Syrian nationalism, Sectarianism, Arab nationalism, Isolationism, Islamism, Universalism, Regionalism, Subnationalism definiert und integriert (vgl. Khashanah, "The Syrian Crisis: A Systematic Framework, 2014, S. 9-11) - ein Versuch, der verdeutlicht, wie schwierig die unterschiedlichen Dimensionen fassbar zu machen sind. Hinzu kommt, dass im Verlaufe des aus dieser Konfiguration erwachsenen Krieges die Interessen globaler Akteure berührt wurden und diese folglich vermehrt in den Konflikt hineingezogen wurden.

 

Der Krieg in Syrien

Die unter dem Begriff des "Arabischen Frühling" zusammengefasste Serie von seit Dezember 2010 um sich greifenden Protesten und Aufständen in der arabischen Welt erfassten spätestens im Februar des folgenden Jahres auch Syrien. Hier richteten sich die Proteste gegen die autoritäre Landesführung durch Baschar Hafiz al-Asad, der sich seit dem Jahr 2000 an der Macht befindet. Die Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und den zunächst lediglich politische Freiheiten einfordernden Protestierenden eskalierten bereits im März 2011, als mehrere Protestkundgebungen in Gewalt umschlugen und es durch das harte Durchgreifen der Sicherheitskräfte zu Toten und Verletzten kam (vgl. tagesschau vom 19.03.2011). Desertierende Soldaten gründeten im Sommer 2011 die „Freie Syrische Armee“ (FSA), die als bewaffnete Oppositionsgruppe seit darauf hinarbeitete, das Regime zu stürzen und den Konflikt so militarisierte (vgl. zur Gründung der FSA Al Jazeera vom 26.11.2011). Somit ist seit dem Spätsommer 2011 von einem Bürgerkrieg zu sprechen.

Der Bürgerkrieg hat in den folgenden Jahren durch unterschiedliche regionale Prozesse auf der einen Seite und überregionale Interessen auf der anderen Seite eine kaum vorhersehbare regionale Eskalation erfahren; „gleichzeitig hat er eine internationale Sogwirkung entwickelt, die immer mehr Akteure in einen Strudel der Gewalt hineinzieht.“ (Beway, Assads Kampf um die Macht, 2016, S. 3) Neben dem Regime und der bereits erwähnten oppositionellen FSA sowie unzähligen heterogenen autochthonen Fraktionen und Gruppierungen wurden die unterschiedlichsten Akteure auf den Plan gerufen, die häufig ihre Interessen in Gefahr sahen und daraufhin in den Konflikt eingriffen. Vereinfacht lässt sich so konstatieren, dass das Erstarken des Islamischen Staates die USA unter Zugzwang setzte, die sich allerdings bereits zuvor vom Asad-Regime distanziert hatte. Die Möglichkeit der Niederlage des treuen Verbündeten rief hingegen Russland auf den Plan, das über seine Marinebasis Tartus auch ein militärisches Interesse am Überleben des Regimes knüpft. Einem ähnlichen Interesse folgt das Eingreifen Irans und seines engen Verbündeten in der Region, der libanesischen Schiitenmiliz Hizbollah. Dies wiederum ist für die sunnitisch geprägten Golfstaaten ebenso wenig vermittelbar (vgl. Hokayem, „Iran, the Gulf States and the Syrian Civil War, 2014) wie für die USA – und letztlich auch Israel, das sich nun in einem unerwarteten Interessenbündnis mit den arabischen Nachbarstaaten sieht. Zugleich werden insbesondere europäische Hoffnungen enttäuscht, die in den Kurden im Norden des Landes einen religiös unbelasteten Verbündeten wähnten, da eine autonome kurdische Region für die Türkei als unmittelbaren Nachbarn keine Option darstellt. (Vgl. zu den internationalen Akteuren im Konflikt: Gupta, „Understanding the War in Syria and the Roles of External Players“, 2016.)

Als Folge der abstrakten politischen und religiösen Dimensionen des Konfliktes und der damit verbundenen Gewalteruptionen ist die regionale wie globale Öffentlichkeit insbesondere durch die aus Zerstörung und Not erwachsenen Fluchtbewegungen in den syrischen Bürgerkrieg involviert worden. So ist – sei es durch die Instrumentalisierung von Ängsten und Sorgen im politischen Diskurs, sei es durch die Anstrengungen bei der Aufnahme von Geflüchteten – der syrische Bürgerkrieg längst zu einem dauerhaft die öffentliche Debatte dominierenden Thema auch in Europa geworden. Wie sehr der Krieg jedoch auch den Diskurs in den Nachbarländern Syriens prägt und beherrscht, gerät dabei häufig außer Sicht. Das Projekt „Der syrische Bürgerkrieg in arabischen und türkischen Medien“ nimmt diese Debatten nun in den Blick.

 

(Olmo Gölz, März 2017)


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Weiterführende Literatur

Bawey, Ben, Assads Kampf um die Macht: Eine Einführung zum Syrienkonflikt, 2. Auflage. essentials. Wiesbaden: Springer VS, 2016. http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=4406106.

Gupta, Ranjit, „Understanding the War in Syria and the Role of External Players: Way Out of the Quagmire?“ The Commonwealth Journal of International Affairs 105, Nr. 1 (2016): 29–41. http://dx.doi.org/10.1080/00358533.2016.1128630 .

Hokayem, Emile, „Iran, the Gulf States and the Syrian Civil War.“ Adelphi Series 54, 447-448 (2014): 39–70. http://dx.doi.org/10.1080/19445571.2014.995937 .

Khashanah, Khaldoun, „The Syrian Crisis: A Systematic Framework.“ Contemporary Arab Affairs 7, Nr. 1 (2014): 1–21. http://dx.doi.org/10.1080/17550912.2014.881006 .

Phillips, Christopher, „Sectarianism and Conflict in Syria.“ Third World Quaterly 36, Nr. 2 (2015): 357–376. http://dx.doi.org/10.1080/01436597.2015.1015788 .

Richani, Nazih, „The Political Economy and Complex Interdependency of the War System in Syria.“ Civil Wars (2016): 1–24. http://dx.doi.org/10.1080/13698249.2016.1144495 .

Rosen, Jacob, „Clues to Understanding the Civil War in Syria.“ Israel Journal of Foreign Affairs 8, Nr. 2 (2014): 63–68. http://dx.doi.org/10.1080/23739770.2014.11446591 .

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