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Interview im Original: As-Safīr, Libanon, 19.06.2015

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Demokratie lässt sich nicht verwirklichen, solange die Religion den ethischen Referenzrahrmen darstellt

(Dieser Artikel wurde am 19.06.2015 in der Zeitung as-Safīr auf Seite 11 im Kulturteil von as-Safīr veröffentlicht.)

 

Die Redaktion und Freunde von as-Safīr beteiligten sich am Gespräch mit dem großen Dichter Adonis, dessen Wortlaut von Sāra Dāhar ausgearbeitet und von Ṣaqr Abū Fakhar überprüft und bearbeitet wurde. Im Folgenden der Wortlaut des Gespräches:

Wie betrachten Sie heute das, was in den arabischen Ländern geschieht?

Ich glaube, dass niemand zögert die arabischen Veränderungen gut zu heißen und sie zu unterstützen. Der Ausbruch in Tunis, in Kairo oder in anderen arabischen Ländern war bedeutsam und notwendig.[1] Und jeder kennt die Entwicklungen, so dass ich nicht auf ihre Details eingehen möchte. Aber mein erster Vorwurf ist das Fehlen von jeglichem Konzept, das in Richtung Veränderung zielt. Es sollte nicht nur die Regierungsmacht verändert werden, sondern auch die Gesellschaft, die Vorstellungen und die Kultur.[2]

Wir beobachteten aber, dass es hinter diesem Ausbruch dort keinen die Kultur verändernden Diskurs gab, sondern dass sein allgemeiner Charakter ein religiöser war.[3] Wir stellten auch fest, dass das politische Konzept zu diesen Aufständen ein Konzept der Rückkehr zu den Wurzeln ist, an denen die Menschen Verrat begangen hätten und zu denen die Rückkehr als unerlässlich gilt. Diese Wurzeln sind in irgendeiner Weise religiös.[4] Wenn wir von Kairo oder Tunis absehen, kam es nicht wirklich und in organischer Weise zu einem Volksaufstand im Sinne eines Ausbruchs aus inneren Gründen heraus. Die nachfolgenden Ausbrüche waren eher von außen als von innen herauskommende Ausbrüche.[5] Ich hätte gerne gesehen, wie eine große Demonstration von Damaskus und Aleppo ausbricht, und zwar derart, dass die Menschen in derselben Art zu Demonstrationen auf die Straße gehen, um ihre Gesellschaft zu verändern, wie es in Tunis oder Kairo geschah.

Die andere Beobachtung ist, dass diese Bewegungen sich zu heftigen bewaffneten Bewegungen wandelten, was Raum für das Eindringen von Elementen aus dem Ausland schuf, wie etwa Söldnertruppen, die den Bodenkampf bestreiten.[6] Dieses Durchdringen von Details ist wichtig, wenn wir die ganze Sache mit der arabischen Geschichte verbinden.

Kurzum, der Zweck der Ausbrüche drehte sich um die Herrschaft mit dem Ziel das Regime zu verändern, wobei es niemals irgendein umfassendes Konzept dahinter gab. Und während der gesamten Geschichte von Revolutionen beobachten wir kein Konzept zur Befreiung, das von außerhalb kommt. Darum basieren diese Bewegungen auf die eine oder andere Weise auf Abhängigkeit. Heute zeigen sich die arabischen Länder mehr vom Ausland abhängig als jemals in vergangenen Zeiten.

Doch wie ist es möglich, eine revolutionäre Situation[7] zu erleben, in einer Zeit, während der gleichzeitig bewaffnete politische Gruppen ausländischen Kräften folgen und sich an sie binden[8]? Das gab es nicht in der arabischen Geschichte, dass die ausländische Politik imstande ist, die Araber vom Inneren heraus zu besetzen.[9] Das ist also das Phänomen, das mit einer speziellen Geschichte und einer speziellen Kultur verbunden werden muss. 

Kehren wir zurück zu Ihrer Äußerung: „Konzept der Rückkehr zu den Wurzeln, an denen die Menschen Verrat begangen hätten“, was eine wesentliche Frage aufwirft: Ist die Erneuerung, die sich seit dem 19. Jahrhundert bis heute vollzieht, nichts als eine erfolglose Erneuerung, die nichts bewirkt hat?[10]

Ohne Zweifel, diese Erneuerung selbst war sogar eine Art Rückkehr zur Vergangenheit.[11]

Was also ist die Vision, an die wir uns auf religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Weise binden? Das heißt, was ist diese Vision, die den Grundstein für das legte, was wir die arabische Gesellschaft nennen?

Wenn wir die arabische Geschichte und religiöse Texte lesen, besonders den Text des Korans, erkennen wir, dass die islamische Vision, sowohl die in der Gesellschaft vorherrschende als auch die institutionalisierte Vision, für den Menschen und die Welt auf den folgenden Elementen gründet:[12]

Erstens, Muhammad ist das Siegel der Propheten, das heißt, es gibt keinen Propheten nach ihm. Zweitens, die Wahrheiten, die das muhammedanische Prophetentum bezüglich allem brachte, was mit Religion, dem Jenseits und den Werten, die aus deren Beziehung resultieren, zu tun hat, also Ethik zwischenmenschlicher Beziehungen, sind endgültige Wahrheiten, nach denen es keine mehr gibt. Drittens, dass der Islam das annulliert, was vor ihm war. Folglich annulliert er notwendigerweise auch das, was nach ihm kommt.

Somit haben die Individuen kein Recht darauf, etwas zu verbessern, zu verändern, hinzuzufügen oder wegzulassen, sondern seine Freiheit ist darauf beschränkt, sich zu fügen und zu praktizieren, was bedeutet, in einer verschlossenen Welt zu leben, in der sich nichts nach vorne bewegt. Der Fortschritt hat dort keine Bedeutung, weil der maximale Fortschritt bereits durch die Offenbarung festgelegt wurde, über die hinaus es keine Wahrheit gibt. Die Zeit ist nur dazu da, die Ursprünge[13] zu leben. Dieses Verständnis von Zeit bringt keine Zukunft, sondern sie ist endloses Praktizieren, um die Prinzipien fest zu verankern, auf die wir Gedanken und Geist aufbauen. Darum lesen wir von keinerlei Konzept des Fortschritts in der gesamten islamischen Geschichte. Man findet keine Freiheit und Freiheit hat auch keine Bedeutung in dieser Sichtweise. Die Freiheit des Individuums ist gemäß dieser Sichtweise die Freiheit, ein Muslim zu sein und den Islam zu praktizieren.[14]

Wie erlangte der Islam die Herrschaft?

Der Islam wurde nicht als gewaltlose Verkündigung begründet, sondern begründete sich von Anbeginn an gewaltsam. Chadīdscha[15] war Kauffrau und unser Prophet begann sein Leben mit Handel[16], der erste Kalif war ein Kaufmann und der zweite Kalif war ebenfalls ein Kaufmann, genauso der dritte Kalif [17] … und die Religion entstand als Handel und Geld, das heißt Herrschaft. […][18] Und die ersten fünfzig Jahre nach der Entstehung des Islam waren ein innerquraischitischer Kampf, Umayyaden[19] gegen Haschimiten[20]. Somit entstand der Islam in einem kaufmännischen, herrschaftsbetonten und gewalttätigen Klima. Das bedeutet, dass Gewalt über den gesamten Zeitraum hinweg ein grundlegender Bestandteil unserer kulturellen Struktur ist.[21]

Natürlich steht der Islam damit nicht alleine. Alle Visionen der monotheistischen Religionen sind in irgendeiner Weise so, allerdings mit einigen Unterschieden. Der grundlegende Unterschied ist ein kultureller Unterschied. So begann die christliche Religion nicht gewalttätig, sondern bot der Gewalt die Stirn. Auch entwickelte sie sich aus völlig anderen Umständen heraus als die islamische Situation. Die jüdische Religion enthält ebenso die westliche Entstehungsgeschichte als Kultur. Diese Religion entwickelte sich in eine andere Richtung, nachdem sie einige gewaltsame Ausbrüche erlitten hatte, die dazu führten, dass Religion und Staat getrennt wurden.  

Sie meinen, dass das Problem in den Wurzeln liegt, was der Diskussion bedarf. Denn die arabischen Völker durchlebten etliche Phasen, darunter die erste Gründungsphase bis hin zur Phase des Kolonialismus. Und im Anschluss schien es so, als ob das Problem ein Problem der Religion sei, ein Problem des Islam, des Judentums und des Christentums.

Ich sage nicht, dass sich das Problem in den Quellen[22] selbst verbirgt. Vielmehr verbirgt sich das Problem in der Lesart der Quellen. Das Problem liegt nicht in Christus an sich, sondern wie Christus verstanden wird. Das Problem ist, wie wir den Text lesen. Denn, die Quellen werden in bleibenden autoritären und politischen Lesarten institutionalisiert. Damit sage ich nicht, dass darin der einzige Fehler liegt, aber ich sage, dass wir nicht imstande sind zu verstehen, was sich heute abspielt, und dass wir nicht einmal Daesh[23], Al-Nuṣra[24] oder andere vorherrschende religiöse Strömungen verstehen können, ohne dass wir diese Quellen und ihre sie konstituierenden Texte verstehen, denn Daesh kommt nicht aus dem Nichts. Daesh ist ein grundlegender Bestandteil der islamischen Geschichte.

Und er ist auch ein grundlegender Bestandteil der Gegenwart.

Dies bestätigt meinen Standpunkt noch mehr. Es ist ein zusätzlicher Beweis dafür, dass die Vergangenheit in der Gegenwart nicht verschwindet. 

Warum ist die religiöse Propaganda vorherrschend und nicht zum Beispiel die liberale oder die sozialistische?

Ich behaupte, dass wir diese Frage nur beantworten können, wenn wir die Wurzeln kennen: Wie haben sie sich entwickelt und warum haben sie bis heute Bestand? Auf der Straße sind ʿUmar, Abū Bakr und ʿUthmān noch lebendig[25] und ihre Anhänger sind diejenigen, die das Feuer eröffnen und die Macht ergreifen.[26] Warum gibt es keine anderen Kräfte, die gegen die religiösen Kräfte gerichtet sind? Das ist die weiterführende Frage.

Aber die säkularen Kräfte wurden unterdrückt und ausgelöscht.

Niemand kann aktive Menschen verdrängen, die bereit sind zum Sterben.[27] Niemand.

Zeigt sich denn kein Einfluss der 40-jährigen erfolgreichen Globalisierung? Das heißt, dass wir im Zusammenhang mit dieser neuen Globalisierung den Zusammenbruch von Staaten und Ideen sowie eine Marginalisierung von sehr großen Migrantengruppen in Europa erleben, unter ihnen vor allem Muslime. Und was ist es, was jugendliche Muslime aus Europa, England, Deutschland und Tschetschenien dazu bringt nach Syrien und in den Irak zu kommen und zu kämpfen? Finden Sie, dass es einen Zusammenhang zwischen diesen Faktoren und dem Ausbruch dieses islamischen Aufstandes gibt?

Meine Antwort ist eine weitere Frage: Warum entlädt sich in der Globalisierung besonders diese religiöse und nicht eine andere entgegengesetzte Kraft? Warum schloss die Globalisierung diese religiöse Kraft mit ein und umfasst nicht andere in der Gesellschaft lebendige Kräfte, die ein Projekt für die Zukunft bieten?[28] Das bedeutet, dass es etwas Anderes geben muss, und das ist, dass die Völker leider nicht von sich aus begannen sich zu erheben, sondern dass andere Kräfte sich erhoben. 

Meinen Sie hier den Beginn der Aufstände oder ihr Ergebnis?

Das Ausschlaggebende ist das Ergebnis und nicht die Anfänge. Natürlich, es gibt Ausnahmen. Aber zum Beispiel in Syrien wanderte ein Drittel des Volkes aus[29]. Es gibt kein Volk in der Welt, das auswandert und weiterhin als revolutionäres Volk bezeichnet wird[30].

Die zivile Masse, die an der Revolution teilnahm, wurde zu einem Außenstehenden der Handlung. Wer kämpft dann heute in Syrien? Der Großteil der Kämpfer kommt aus dem Ausland. Diejenigen, die im Land kämpfen, sind nicht das Volk. Es kam zu einer enormen Veränderung, so dass es uns nicht mehr möglich ist, die Ereignisse als Revolution oder als Aufbruch zu bezeichnen. Es gibt nun einen wirklichen Krieg in Syrien, der den Charakter eines konfessionellen Bürgerkriegs hat.

Es ist nicht das Volk, über das wir sprechen und von dem wir uns wünschen, dass es revoltiert, welches wirklich revoltiert hat. Der Beweis ist Syrien. Wir alle zusammen und ich als erster sind für die Seite der Veränderung des Regimes.[31] Aber wir müssen verstehen, was sich abspielt. Ich kann in Kürze sagen, dass das Regime gar nicht das Ziel gewesen war. Das Regime war ein bloßes Vehikel, denn das eigentliche Ziel war die Zerstörung des Landes.[32]   

Wer ist es, der dieses Land zerstören will?

Die ausländischen Mächte.[33] So wie es mit der Zerstörung des irakischen Regimes geschehen ist oder dem libyschen Regime, so geschieht es nun in Syrien.[34] Wie können reaktionäre und ausländische Mächte eine Revolution anführen? Gab es auf der gesamten Welt und irgendeiner Phase der Geschichte jemals eine Revolution, die von Reaktionären und Pfandleihern aus dem Ausland geführt wurde?

In unserer modernen Geschichte war die Muslimbruderschaft, die in Ägypten im Jahre 1928 entstand, eine Antwort auf die modernen demokratischen Staaten oder den Aufstieg moderner liberaldemokratischer Ideen.[35] Auf was ist Ihrer Ansicht nach diese enorme Welle, die wir derzeit erleben, eine Antwort? Besonders angesichts dessen, dass wir keinerlei Konzept für Demokratie haben und die ausländischen Mächte den Aufbau säkularer Staaten, die sich auf Demokratie gründen, in der Region nicht zulassen.[36]

Das stimmt. Nehmen wir zum Beispiel Amerika. Nennen Sie mir ein einziges Beispiel dafür, dass die amerikanische Politik sich auf die Seite der unterdrückten Völker stellt, sie befreite oder ihnen half, sich zu befreien. Amerika ist das erste Land, das die Atombombe gegen Menschen einsetzte. Und das amerikanische System selbst beruht auf dem Völkermord der Indianer. Dennoch sind die arabischen „Revolutionäre“ Amerika zugeneigt. Was in der arabischen Welt geschieht, ist absurd. In Libyen zum Beispiel waren wir alle gegen Gaddafi. Ist es darum aber sinnvoll, das Land auf diese Weise zu zerstören? Dieselbe Sache geschieht in Syrien im Einklang mit dem Irak[37]. Für welche Revolution sind Statuen, Museen oder eine Gemeinschaft wie die Jesiden ihre Feinde, bis sie vernichtet sind?[38]

Welcher Vision sollen wir uns als arabische Gesellschaft folglich verpflichten?

Projekte, Ideen und Zukunft entstehen auf der Basis genauer Analyse. Es gibt keine seit jeher fertige Vision. Wenn wir unseren Zustand nicht verstehen, können wir auch nicht zu einer Perspektive kommen, sondern bleiben in unseren Problemen weiter verstrickt. Heute, im Schlachtengetümmel der Revolution, die der Schauplatz der Freiheit und der Befreiung sein sollte, ist der Intellektuelle stärker bedroht als in den Tagen der Tyrannei.[39] Ist das plausibel? Wenn ein denkender Mensch während der Revolution in seinem Körper, in seiner Ansicht, in seinem Denken und seiner Bewegungsfreiheit nicht frei ist, wie sollen wir dann denken? Wo ist dann die Revolution? Darin liegt ein Manko, und wir arbeiten leider aus dem einen oder anderen Grund auf seine Verschleierung hin. Darum sage ich, dass wir nur im Lichte des Verständnisses der Ursprünge und Wurzeln[40] auf genauere Weise verstehen können, was derzeit geschieht. Wir können das, was derzeit in den arabischen Ländern geschieht, nicht als eine von der Geschichte losgelöste oder als plötzlich auftretende Sache betrachten, sondern nur als einen ihrer immanenten Bestandteile. Über vierzehn Jahrhunderte hinweg konnten die Araber kein Konzept der Staatsangehörigkeit[41] etablieren. Während die Römer diese in allen Teilen des Reiches verwirklichten, indem sie für alle Angehörigen die römische Staatsbürgerschaft erteilten, konnten die Araber die Stammes- und Clanstrukturen sowie die konfessionellen Strukturen nicht überwinden.[42] Wir haben nichts grundlegend bewirkt. […][43]

Ist es möglich eine arabische zivil-säkulare Front hervorzubringen?

Das ist ein Projekt, und es ist nötig es umzusetzen. Ich glaube, dass anstelle von Ideologien der arabischen nationalen Einheit in der Art und Weise des 19. und 20. Jahrhunderts[44] die Arbeit auf ziviler säkularer Grundlage nötig ist.

Haben die Revolution der Liberalen[45] und die Revolution Abdel Nassers[46] nicht versagt und wurde diese Zeit nicht als Zeit der Enttäuschung betrachtet?

Was machten die Liberalen? Und was tat Abdel Nasser? Wenn wir die Revolution Nassers mit der Maos in China vergleichen, die Zeit ist dieselbe im Jahre 1958, betrachten wir etwa die Leistungen von Mao,[47] dann erkennen wir, wie Abdul Nasser es nicht vermochte eine einzige Universität mit Weltstandard zu gründen. Ich wiederhole mich und sage, dass, ohne die religiöse Lesart in eine neue Lesart zu verwandeln, und zwar derart, dass niemand einen anderen bekämpft, dass Religionen Ausdruck eines persönlichen, individuellen, freien Glaubens werden und dass die Religion der Gesellschaft der Mensch, seine Freiheit und sein Recht ist, keinerlei Fortschritt verwirklicht werden kann.

Und die Demokratie?

Die erste Bedingung für Demokratie ist die Anerkennung des Anderen und dem anderen nicht nur Toleranz, sondern Gleichwertigkeit zuzugestehen. Und dies ist unmöglich umzusetzen, solange die Religion der ethische Referenzrahmen bleibt. Wenn Sie über die Freiheit sprechen wollen, brauchen Sie ein Individuum, das wirklich verantwortlich ist, das ein unabhängiges Subjekt ist und das Herr über sich selbst und seines Schicksals ist. Sie können nicht über Freiheit sprechen, solange ein Bürger sich in welcher Art und Weise auch immer nicht über seine Situation und seine Kultur erheben kann - auch wenn er das Genie seiner Zeit wäre – und nur auf konfessioneller Grundlage zu einem Amt gelangt wie es zum Beispiel im Libanon[48] geschieht. Darum drehen sich der Libanon und alle Araber in einem Teufelskreis.

Wir verbringen das Leben damit lediglich die Herrschaft zu verändern und einen Minister durch einen anderen freundlicheren oder einen, der mehr weiß als der vorherige, zu ersetzen. Aber der neue Minister hatte keine Möglichkeit, irgendetwas zu verändern oder für irgendeine Sache einzustehen. Wir, die Araber, sind seit einem Jahrhundert für nichts außer den Herrschafts- und Machtwechsel aufgestanden.[49] Hundert Male veränderten wir Systeme, aber was haben wir mit den Systemen verändert? Nichts haben wir verändert, weder die Erziehung noch die Schule … diese Macht, die Ihr als Enttäuschung bezeichnet habt, war nicht enttäuschend, sie war die Enttäuschung selbst, weil sie keinerlei Projekt hatte.

Dieses Projekt ist ein Projekt der Elite[50]. Aber, was machte diese Elite und wo ist sie jetzt?

Sie wurde besiegt und ihr Position löste sich auf in diesem Vakuum. Die gegenwärtigen terroristischen Kräfte, die Wurzeln haben, auf die sie sich gründen und zu denen zurückzukehren sie aufrufen, richten und töten im Namen der Religion.

Was sollen wir machen? Sollen wir das hinnehmen?

Die Elite kann nicht einfach wiederholen, was sie früher gemacht hat. Ihr Diskurs von Gestern ist zu Ende. Die Suche nach einem anderen Diskurs ist nötig. Ich sagte und ich wiederhole es, dass die heutigen neuen lebendigen Kräfte nur auf einer zivilen säkularen Grundlage arbeiten können. Ansonsten hat ihre gesamte Arbeit keine Bedeutung. Wenn sie nicht auf dieser klaren und direkten Grundlage arbeitet, wird sie in dieselbe Falle[51] tappen, in die die nationalistischen Bewegungen und die Einheitsbewegungen früher auch schon gefallen sind. Ich habe einst gesagt, dass wir eine zivile Front entlang der arabischen Welt aufbauen müssen.

Inwieweit ist diese Lösung realistisch?

Ich weiß nicht, inwieweit die Umsetzung möglich ist. Wir diskutieren nur Gedanken dazu. Wichtig ist, wie verständig wir sind, wie wir forschen und wie wir die früheren Arbeitsmethoden[52] verändern, die darin gescheitert sind, den Wandel herbeizuführen. Das ist das Wichtige. Sie finden keine fertigen Lösungen außer in der Religion und in den Ideologien. Wir haben es mit der Religion versucht und sie hat uns getötet und wir haben es mit den Ideologien versucht und sie haben uns getötet.[53]

Ist in Anbetracht dieses Zusammenbruchs eine Reformulierung des Diskurses auf irgendeine Weise möglich?

Ja, natürlich, denn es gibt keine andere Alternative zur Herrschaft der Völker durch Vertreibung und Plünderung[54].

Sind die arabischen Eliten säkular?

Es gibt einen arabischen geschichtlichen Kontext, der endgültig zusammengebrochen ist. Das ist der Kontext, in dem wir lebten und der das Zeitalter der Nahda fortsetzte. Es ist der Kontext der Einheits- und der arabisch-nationalistischen Bewegung, dessen praktische Verkörperung sich in der Arabischen Liga[55] findet. Es gibt keine andere Verkörperung. Ungeachtet unseres außerordentlich großen Reichtums konnten wir keine einzige Universität schaffen, die in der Welt Geltung hat. Wir konnten nirgendwo ein Forschungszentrum errichten. Wir konnten kein modernes Museum aufbauen, das einen Wert hat. Keine der gesamten historischen Errungenschaften, die Indiz für Wachstum und Fortschritt sind, konnten wir umsetzen. Wenn wir im Zeitalter der wissenschaftlichen Umwälzungen im 20. Jahrhundert nach Vergleichen suchen, erkennen wir, dass es afrikanische Staaten gibt, die keine Geschichte wie die arabischen Staaten haben und keine so tief verwurzelte wie die der Araber, aber einen Schritt nach vorne machten, wie ihn die Araber nicht vollbrachten. Nigeria zum Beispiel.[56] Die Araber verfügen als Nationen und Völker über keine kreativen Ressourcen, sondern gelten in den Augen des Auslandes nur als strategischer Raum und Raum von Bodenschätzen. Wir Araber sind faule Individuen. Es ist nötig, dass wir uns selbst immer kritisieren. So wie ein Koranvers sagt: Allah verändert nicht das, was in einem Volk ist, bis die Menschen das verändern, was in ihnen ist.[57] […]

Kann der arabische Bürger keinerlei Bewegung vollführen, weil er durch die Religion gefesselt ist? Geht das Unvermögen also alleine auf die Religion zurück?

Natürlich ist das nicht der einzige Grund, doch dieser ähnelt einem Bewohner in einem verriegelten Wohnhaus. Wie sollen wir dort herauskommen? Es ist an uns die Türe zu öffnen, nämlich Religion und Staat zu trennen, die Säkularität der Gesellschaft ist der erste Schritt. Aber das reicht natürlich nicht aus. Die Demokratie in Europa entstand im Verlauf mehrerer Jahrhunderte. Und bis heute sind die Europäer mit Problemen konfrontiert. Diese Projekte sind offene Projekte. Sie haben keine Grenzen, an den sie stehenbleiben, sondern entwickeln sich ständig. Aber ohne die Säkularisierung der Gesellschaft können wir überhaupt nichts bewirken. Wir haben zweihundert Jahre Erfahrung, die wir befragen müssen. Im 19. und 20. Jahrhundert gab es Intellektuelle, große Intellektuelle, die bedeutende Ideen hervorbrachten. Einige waren sogar viel mutiger als wir heute. Doch was war das Ergebnis? Wir müssen sicherstellen, dass sich die Gesellschaft nicht verändert, ohne dass sich auch ihre Grundlagen ändern.

Konnten wir in all dieser Zeit eine Gesellschaft aufbauen?

Nein, weil wir uns nicht darum kümmerten. Nur die Herrschaft hat uns interessiert. Der Islam ist Herrschaft und die Kultur der Herrschaft war immer vorherrschend. Die Gewaltherrschaft gehört dem, der siegt. Wenn wir über Demokratie, über Menschenrechte und über die Freiheiten der Menschen sprechen, bedeutet das nichts, außer wenn wir diese Sichtweise verändern.  

Wie wäre es mit dem Versuch die Religion zu reformieren?

Die Religion reformiert man nicht. An Religion glaubt man oder man glaubt nicht.

Das bringt uns zu einem Punkt, über den wir immer sprechen. Und das ist Ihre heutige Sichtweise auf die arabische Kultur. Sie ist nicht im Stande, einen Platz inmitten dessen zu beziehen, was derzeit geschieht, sondern wird nur am Rand des derzeit laufenden Konflikts sichtbar.

Vor der Beantwortung dieser Frage, zeigen Sie mir einen einzigen arabischen Intellektuellen vom Atlantik bis zum Golf, der eine einzige grundlegende Frage zum Islam aufwarf. Zeigen Sie mir ein einziges Buch, das Fragen zum heutigen Wert der Offenbarung für die Erkenntnis aufwirft. Wie wird Wissen in einer kulturellen Ordnung hervorgebracht, über die Offenbarung herrscht? Wer stellt die Offenbarung in Frage? Wer wirft die Frage über die Beschaffenheit der Frauen im Islam als freies unabhängiges Wesen auf, das Herr über sich selbst und Herr seines Schicksals ist? Es gibt keinen einzigen arabischen Denker, der solche Fragen zum Islam aufwirft. Die Marxisten haben die Religion ausgeklammert und hielten sie für tot. Das Höchste, was die arabischen Intellektuellen dazu hervorgebracht haben ist, dass sie es für notwendig halten, den religiösen Text als einen historischen Text zu lesen. Das bedeutet, dass der koranische Text unter bestimmten Verhältnissen entstand, diese Verhältnisse sich verändert haben, so dass er als ein historischer Text betrachtet werden muss.[58] Aber es genügt nicht, dass wir die Notwendigkeit betonen, den religiösen Text als historischen Text zu betrachten. Nötig ist, dass wir danach fragen, was das für ein Text ist. Die grundlegenden Fragen wurden nicht gestellt.

Sie sagen, dass die derzeitige Kultur keinerlei kritische Fragen aufwarf. Was legen Sie als arabischer Denker dann vor?

Ungeachtet aller Vorwürfe, mit denen ich konfrontiert bin, auch ich habe keine dieser grundlegenden Fragen gestellt. Ich habe nicht gefragt, was der Erkenntniswert der Offenbarung ist. Ich habe ihn nicht behandelt. Es ist richtig, dass ich darauf hinwies und mich darum drehte, aber ich habe mich der Frage nicht gestellt. Ich habe mich auch einer anderen grundlegenden Frage des Islam, nämlich die der Frauen, nicht gestellt. Die Lage der Frauen gleicht heute Käfigen und sie werden für Geld verkauft. Es erscheint keine einzige offizielle Erklärung, die dieses Thema verurteilt. Wo leben wir? Es ist nötigt, dass wir all diesen Dingen vollkommen offen entgegentreten. Ansonsten kommen wir nicht aus diesem Morast heraus.

Bringt "Daesh" diese Gedanken und herrschenden religiösen Hintergründe in aller Deutlichkeit ans Licht?

Hätten wir die Geschichte gut gelesen, dann wären "Daesh" und eine Widerwärtigkeit wie dieser für uns nicht notwendig. Was die Situation aber noch schlimmer macht ist, dass einige arabische Lehrpläne kein Studium bedeutender und entscheidender Bücher erlauben. Einige grundlegenden Bibliotheken versperrten für die Studenten die Bücher von Ibn Rushd[59]! […][60]

 

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[1] Vgl. hierzu das Kapitel Adonis allgemeine zentralen Positionen zum Syrienkrieg und dem Arabischen Frühling im Kommentar.

[2] Vgl. ebd..

[3] Die ersten friedlichen Demonstrationen im März 2011 waren aber davon wohl noch weitgehend frei. Vgl. hierzu und zu den konfessionellen Ursachen des Syrienkonflikts vgl. Phillips, Christopher. 2015. Sectarianism and conflict in Syria. In: Third World Quarterly, Vol. 36 No. 2, S. 357––376. Adonis spricht darum im Interview bisher nicht von Revolution, sondern nur von الانفجار / الانفجارات , von Ausbruch/Ausbrüchen oder Explosion/Explosionen.

[4] Mit der Kritik am allgemein religiösen Charakter der Opposition geht der Vorwurf salafistischer, islamistischer bzw. dschihadistischer Ausrichtung in Anlehnung an den Wahhabismus einher. Vgl. Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten vom 18.02.2016 anlässlich der Verleihung des Remarque-Friedenspreises 2016 in Osnabrück. Unter: https://video3.virtuos.uni-osnabrueck.de/engage/theodul/ui/core.html?id=594cfe25-7f38-48f8-8 d33-66545c934b92 (zuletzt eingesehen am 04.08.2016). Vgl. auch Anmerkungen 13, 26 und 27.  

[5] Vgl. Kassab, Elizabeth Suzanne. 2014. Critics and Rebels: Older Arab Intellectuals Reflect on the Uprisings. In: British Journal of Middle Eastern Studies, Vol. 41 No. 1, S. 8–27, S. 21.

[6] Die ausländischen Kämpfer kommen aus Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten, Europa, Australien und Nordamerika. Vgl. Jenkins, Brian Michael. 2014. The Dynamics of Syria´s Civil War. Hrsg. v. RAND Corporations, Santa Monica, S. 19. Skidmore, J.. 2014. Foreign Fighter Involvement in Syria. Hrsg. v. International Institute for Counter-Terrorism, Herzlia 2014, S. 34–43.

[7] Vgl. Anmerkung 4. Erst ab hier verwendet Adonis den arabischen Begriff ثورة  (thaura) für Revolution. Vgl. dazu Anmerkung 78.

[8] Dies entspricht der Sichtweise des syrischen Regimes. Vgl. Interview mit Baschar al-Assad mit NBC vom 13.07. 2016. Unter: https://www.youtube.com/watch?v=GtpNGHdTFQM, mit der ARD vom 01.03.2016. Unter: https:// www. tagesschau.de/multimedia/video/video-161735.html (deutsche Version), mit rtdeutsch.com vom 22.09. 2015. Unter: https://www.youtube.com/watch?v=M1H9YKdwMOo, mit BBC vom 09.02.2015. Unter: https:// www.youtube.com/watch?v=yiC4w7Erz8I, oder mit der ARD 18.03.2012. Unter: https://www.youtube.com/ watch?v =PPR4TePt-6g und https://www.youtube.com/watch?v=mvcIGjGOmUE. Baschar al-Assad betont u.a. die Finanzierung der Rebellengruppen in Syrien vom Ausland wie z.B. Saudi-Arabien und Katar, die Unterlaufung der Gruppen durch ausländische Terroristen von Beginn des Syrienkonfliktes an, die insbesondere über die Türkei eingeschleust würden, sowie, dass es letztlich schon mit der US-amerikanischen Inversion in den Irak 2003, seiner Besetzung und dem darauffolgenden Bürgerkrieg im Irak zur religiösen Aufheizung einiger Gruppierungen in Syrien gekommen sei und somit der Syrienkonflikt von Anfang an diesen Charakter trage, was sich umgekehrt wieder mit Adonis´ Position deckt (alle zuletzt eingesehen am 03.08.2016).

[9] Der im Original verwendetet Begriff احتلال meint Besetzung im militärischen Sinn und verweist damit auf die lange und immer wiederkehrende Geschichte militärischer und politischer Unterwerfung der arabischen-islamischen Welt zuletzt durch den europäischen Imperialismus und die europäische Mandatspolitik.

[10] Die Erneuerungsbewegungen des Islam im 19. und 20. Jahrhundert entstanden aufgrund der militärischen und technischen Überlegenheit der europäischen Kolonial- und Mandatsmächte über die arabische Welt, mit der eine politische und kulturelle Einflussnahme des Westens einherging. Das moderne muslimische Denken sah sich in der Abgrenzung und mit der Auseinandersetzung zu den geistigen Produkten des Westens, was den Islam bzw. das Muslimsein zu einem Bestandteil kultureller Identität werden ließ, die es gegenüber den Fremdherrschern zu verteidigen galt. Um der Entwicklung zur Moderne standhalten zu können und den Vorwurf der Rückständigkeit zu überwinden, galt den muslimischen Denkern des 19. und 20. Jahrhunderts die Reform der Religion auf der Basis der Quellen als Hebel gesellschaftlichen und politischen Wandels. Dschamal ad-Din al-Afghani (1838/39-1897) und Muhammad ʿAbduh (1849-1905) gelten als ihre großen Vertreter, später Raschīd Ridā (1865-1935) und Hasan al-Bannā (1906-1949). Die daraus entstandenen Bewegungen gründeten alle auf der Sehnsucht nach einer idealisierten Vergangenheit und haben ihre Wurzel in antiwestlicher Position. Allerdings hatten die neuen Denker auf die politischen Kräfte, die dann später für die Unabhängigkeit der islamischen Länder kämpften wenig Einfluss. Diese waren ideologische vom westlichen Nationalismus und von europäischen liberalen Idealen wie Demokratie und verfassungsmäßiger Regierung beeinflusst und weniger radikal als die Erneuerungsbewegungen, die den Nationalismus als trennend und die Demokratie als individualisieren und chaotisch betrachteten und ein islamische Staatsform vorzogen. Vgl. Peters, Rudolph. 2015. Erneuerungsbewegungen im Islam vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und die Rolle des Islam in der neueren Geschichte: Antikolonialismus und Nationalismus. In: Der Islam in der Gegenwart. Hrsg. v. Werner Ende und Udo Steinbach. 5. aktualisierte und erweiterte Auflage, München, S. 90-127.

[11] Vgl. Anmerkung 11.

[12] Unter Islam versteht Adonis letztlich den Wahhabismus, der eine puristisch-traditionalistischen Richtung des sunnitischen Islams bezeichnet, die in der Praxis der hanbalitischen Rechtsschule folgt. Die Bewegung gründet sich auf die Lehren Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhabs (1703/04-1792), in deren Mittelpunkt die Erklärung der Einheit Gottes steht. Die Wahhabiten lehnen den Sufismus, den Kalām (die rationale Theologie) und auch alle Formen des schiitischen Islams ab und wenden sich darüber hinaus auch strikt gegen Heiligenverehrung, Wallfahrten zu Gräbern und die Feier des Prophetengeburtstags. Die Anhänger Ibn ʿAbd al-Wahhabs nehmen für sich in Anspruch, als einzige heute die islamische Lehre authentisch zu vertreten. Glaubensauffassungen, die mit dem Wahhabismus nicht vereinbar sind, werden von ihnen in der Regel als unislamisch bezeichnet. Der Wahhabismus weitete sich im Zuge des säkularen arabischen Nationalismus seit den 1950er Jahren vom Hedschas weiter aus insbesondere nach Westafrika und beeinflusste ab den 1970er Jahren auch das islamische Denken sowohl in anderen islamischen Ländern wie auch in den westlichen Staaten. Adonis betont aber, dass es natürlich einen Unterschied zwischen den Muslimen und dem Islam gebe. Nicht alle Muslime seien Wahabiten. Vgl. Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten. Zur Bewegung des Wahhabismus vgl.  Peskes, Esther and Ende, Werner. 2012. “Wahhābiyya”. In: Encyclopaedia of Islam, Second Edition. Hrsg. v. P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs. Unter: http://dx.doi.org/10.1163/1573-3912_islam_COM_1329 (zuletzt eingesehen am 04.08.20 16).

[13] Adonis verwendet während des Interviews den arabischen Begriff الاصول /  الأص den man sowohl mit Wurzel/ Wurzeln, Ursprung/Ursprünge aber auch mit Quelle/Quellen übersetzen kann, mit unterschiedlicher Konnotation. An dieser Stelle scheint die Bezeichnung Ursprung geeigneter zu sein. Im kommenden Satz meint الاصول aber eher Prinzipien. Parallel findet sich auch der Begriffder , الجذور  nur Wurzeln bedeutet. An späterer Stelle finden sich im Originaltext الاصول والجذور, was mit Ursprüngen und Wurzeln übersetzt wurde. Vgl. Anmerkung 41.

[14] Vgl. Adonis´ fundamentale Kritik am Islam unter Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten.

[15] Chadīdscha bint Chuwailid (ca. 555-619) war die erste Ehefrau Muhammads und die einzige, mit der er in Einehe lebte und mindestens fünf Kinder hatte, vier Töchter, Fātima, Ruqaiya, Umm Kulthūm und Zainab, und einen Sohn namens al-Qāsim, der schon im Kindesalter starb. Sie war Erbin einer Karawanserei und eines Handelsgeschäftes in Mekka, Tochter von Chuwailid aus dem Stamm der Quraisch, Witwe und vor der Ehe mit Muhammad schon zweimal verheiratet. Auch aus diesen Ehen hatte sie mehrere Kinder. Als Unternehmerin und Kauffrau verfügte sie frei über ihr reiches Vermögen. Muhammad führte in ihrem Auftrag eine Karawane nach Syrien und wurde zum Teilhaber bei ihren Handelsgeschäften. Seine kaufmännischen Erfolge und sein hohes Ansehen in Mekka trugen dazu bei, dass sie ihm schließlich die Ehe antrug. Gemäß islamischer Überlieferung war Chadīdscha die erste Person, die an Muhammads religiöse Botschaft glaubte und ihn bei all seinen Auseinandersetzungen mit Gegnern loyal unterstützte. Chadīdscha starb im Jahre 619. Erst danach ging Muhammad weitere Ehen ein. Vgl. Watt, W. Montgomery. 2012. “K̲h̲adīd̲j̲a”. In: Encyclopaedia of Islam. Second Edition. Hrsg. v.: P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel. Unter: http://dx.doi.org/10.1163/1573-3912_islam_SIM_4116 (zuletzt eingesehen am 04.08.2016), Ibn Isḥāq, Muḥammad. 1999. Das Leben des Propheten. Aus dem Arabischen übertragen und bearbeitet von Gernot Rotter. Kandern, S.36–41.

[16] Der Prophet Muhammad (570/73-636) begleitete schon als junger Mann seinen Onkel Abū Tālib ibn ʿAbd al-Muttalib (550-619) auf Handelsreisen nach Syrien, lange bevor er im Dienste Chadīdschas stand und sie schließlich heiratete. Vgl. Ibn Isḥāq, Das Leben des Propheten, S.36–41.

[17] Mit der Aufzählung erster, zweiter, dritter Kalif sind die ersten drei der vier sogenannten Rechtgeleiteten Kalifen (al-chulafāʾ ar-rāschidūn) gemeint, ʿAbdallāh Abū Bakr, Schwiegervater Muhammads (632–634), ʿUmar ibn al-Chattāb, Schwiegervater Muhammads (634–644), ʿUthmān ibn ʿAffān, Schwiegersohn Muhammads (644–656) und ʿAlī ibn Abī Tālib, ebenfalls Schwiegersohn und Vetter Muhammads (656–661). ʿAlī hatte gemeinsam mit Fatima, der Tochter Muhammads, zwei Söhne, Hasan und Husain. Ein Kalif ist gemäß der islamischen Tradition der Nachfolger oder der Stellvertreter des Propheten Muhammad, der mit der religiösen und politischen Führung der islamischen Gemeinde, der Umma, betraut ist. Als Kalifat bezeichnet man die Herrschaft, das Amt oder das Reich eines Kalifen und stellt folglich eine theokratische Regierungsform dar, bei der die weltliche und die geistliche Führerschaft in der Person des Kalifen vereint sind. ʿAlī war der letzte gewählte Kalif. Sein Gegner und Nachfolger Muʿāwiya I. (661–680), Statthalter von Syrien aus der Sippe der Umayyaden und Verwandter ʿUthmāns, führte während seiner Herrschaft die Erbfolge ein und begründete somit die erste Kalifen-Dynastie, die der Umayyaden in Damaskus. Seither wurden die proklamierten Nachfolger zum neuen Kalifen oder der Titel ging durch Kriege auf andere Herrscher über. Husain erhob zwar nach Muʿāwiyas Tod Anspruch auf das Kalifat, wurde aber in der Schlacht von Kerbela im Jahre 680 geschlagen. Hasan verzichtete auf das Kalifat. Vgl. Sourdel, D., Lambton, A.K.S., Jong, F. de and Holt, P.M.. 2012. “K̲h̲alīfa”. In: Encyclopaedia of Islam. Second Edition. Hrsg. v.: P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs. Unter: http://dx.doi.org/ 10.1163/ 1573-3912_islam_COM_0486 (zuletzt eingesehen am 04.08.2016), Busse, Heribert 2015. Grundzüge der islamischen und Geschichte des islamischen Raums. In: Der Islam in der Gegenwart, hrsg. v. Werner Ende und Udo Steinbach. 5. aktualisierte und erweiterte Auflage. München, S. 21–54, hier S. 29–33.

[18] In der ausgelassenen Passage verweist Adonis auf die strittige Nachfolgefrage der frühen Muslime bereits unmittelbar nach dem Tod des Propheten Muhammad, bei der die Helfer des Propheten in Medina mit Saʿd ibn ʿUbāda (gest. 636) neben den Auswanderern aus Mekka ihren Anspruch stellten. Die Einheit der Gemeinschaft konnte nur dadurch gerettet werden, dass ʿUmar ibn al-Chattāb (592-644) bei einer Versammlung der Helfer Abū Bakr as-Siddīq (573-634) als dem neuen Befehlshaber huldig. Abū Bakr nahm in der Folgezeit den Titel Nachfolger des Gottesgesandten oder Kalif an. Viele der Helfer weigerten sich jedoch zunächst, Abū Bakr zu huldigen. Auch die Banū Hāschim, der Klan des Propheten, protestierten dagegen, dass sie bei der Regelung der Nachfolge übergangen worden waren. Außerdem wurde in dieser Situation noch ʿAlī ibn Abī Tālib (600-661), der der nächste Verwandte des Propheten war und die Unterstützung des Klans ʿAbd Schams hatte, als Alternative für Abū Bakr ins Spiel gebracht. Nur das intensive Werben ʿUmars führte schließlich dazu, dass im Laufe der Zeit die meisten Prophetengefährten Abū Bakr als Kalifen anerkannten. ʿAlī selbst leistete Abū Bakr erst sechs Monate später den Treueid. Damit war die Nachfolgefrage zwar vorläufig geklärt. Über die Frage, ob ʿAlī berechtigt gewesen wäre, unmittelbar nach dem Tode Muhammads dessen Nachfolge anzutreten, entzweiten sich die Muslime aber: für die Schiiten, deren Name sich von schīʿat ʿAlī, der Partei ʿAlīs´, ableitet, war ʿAlī der rechtmäßige Nachfolger Muhammads, die Sunniten dagegen meinen, dass Muhammads Schwiegervater Abū Bakr größeren Anspruch darauf hatte. Den Sunniten gilt ʿAlī als vierter und letzter Rechtgeleiteter Kalif, den Schiiten und den Aleviten, deren Name sich ebenfalls von ʿAlī ableitet, als erster Imam. Vgl. zum Nachfolgerstreit mit Saʿd ibn ʿUbāda The history of al-Ṭabarī (Taʾrīkh al-rusul waʾl mulūk). 1993. Vol. X. The Conquest of Arabia. Übersetzt und kommentiert von Fred M Donner. Albany/New York, S. 1-18, Watt, W. Montgomery. 2012. “Saʿd b. ʿUbāda”, in: Encyclopaedia of Islam. Second Edition. Hrsg. v. P. Bearman, Th. Bianquis, C.E. Bosworth, E. van Donzel, W.P. Heinrichs. Unter: http://dx.doi.org/10.1163/1573-3912_islam_SIM_ 6396 (zuletzt eingesehen am 05.08.2016).

[19] Vgl. Anmerkung 19. Die Umayyaden oder Banū Umayya waren ein Familienklan des arabischen Stammes der Quraisch aus Mekka. Angehörige der Familie herrschten von 661 bis 750 n. Chr. als Kalifen von Damaskus aus über das islamische Reich. Unter der Regierung der Umayyaden wurden die Grenzen des Reiches im Osten bis zum Indus und im Westen bis zur Iberischen Halbinsel vorgeschoben. Nach ihrer Vertreibung aus dem Maschrek durch die Abbasiden gründeten sie im Jahr 756 in al-Andalus das Emirat von Córdoba, wo sie bis 1031 herrschten, seit 929 auch wieder mit dem Titel eines Kalifen. Wie die Banū Hāschim, der Klan des Propheten Muhammad, gehörten die Umayyaden zu den Nachkommen des Quraischiten ʿAbd Manāf ibn Qusaiy. Beide Familien führten sich jeweils auf einen von ʿAbd Manāfs Söhnen zurück, die Haschimiten auf Haschim und die Umayyaden auf ʿAbd Schams. Namensgeber der Umayyaden war ʿAbd Schams’ Sohn Umayyas. Zu Beginn des 7. Jahrhunderts waren die Nachkommen Umayyas eine der einflussreichsten Familien Mekkas. Nachdem Muhammad im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach Medina auswandern musste und es in der Folge zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den geflohenen Muslimen und Mekka kam, nahmen Mitglieder der Umayyadenfamilie führende Positionen auf Seiten der Mekkaner ein. Im späteren Verlauf der Kämpfe stand mit Abū Sufyān ibn Harb das Oberhaupt des Klans an der Spitze der mekkanischen Politik. Schlussendlich musste dieser sich jedoch Muhammad geschlagen geben und konvertierte noch kurz vor der Einnahme Mekkas durch die muslimischen Truppen im Jahr 630 selbst zum Islam. Dieser Seitenwechsel gereichte den Umayyaden zum Vorteil, da sie auch in dem nun entstandenen islamischen Reich eine wichtige Rolle spielten wie beispielsweise durch ʿUthmān und Muʿāwiya I., ein Sohn Abu Sufyāns. Vgl. Heribert, Grundzüge der islamischen und Geschichte des islamischen Raums, S. 33–36, Hourani, Albert. 2006. Die Geschichte der arabischen Völker. Von den Anfängen des Islam bis zum Nahostkonflikt unserer Tage. 5. Auflage. Frankfurt, S. 50–58, Krämer, Gudrun. 2005. Geschichte des Islam. Lizenzausgabe. Bonn, S.27–67.

[20] Vgl. Anmerkung 19. Die Haschimiten oder Banū Hāschim sind ein heute weitläufiger Klan des mekkanischen Stammes Quraisch, der nach Hāschim ibn ʿAbd Manāf, dem Urgroßvater des Propheten Muhammad benannt ist. Die Haschimiten genossen während der islamischen Geschichte immer wieder eine Sonderrolle und es gab im Verlauf der Geschichte mehrere Dynastien haschimitischer Herkunft. Die meisten gehörten dem Zweig der Familie an, der auf ʿ Alī zurückging. Auch die Scherifen von Mekka waren Aliden. Seitdem die Scherifen ab Ende des 19. Jahrhunderts begannen, ihre haschimitische Herkunft zu betonen, wird der Begriff Haschimiten vor allem auf diese Herrscherfamilie bezogen. Von ihr stammt auch die herrschende Dynastie von Jordanien ab. Vgl. Krämer, Geschichte des Islam, S.65–67.

[21] Vgl. Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten.

[22] An dieser Stelle legt der Kontext nahe den Begriffالاصول    mit Quellen zu übersetzen.

[23] Damit ist die Terror-Miliz des Islamischen Staates gemeint. Der Islamische Staat (IS, ad-daula al-islāmīya) ist eine seit 2003 aktive terroristisch agierende sunnitische Miliz mit zehntausenden Mitgliedern, die derzeit größere Gebiete im Irak und in Syrien und kleinere Gebiete in Libyen beherrscht. Der derzeitige Kopf der Organisation Abū Bakr al-Baghdādī rief Ende Juni 2014 das „Kalifat“ aus, das sich als dschihadistisches Staatsbildungsprojekt zeigt und die von westlichen Kolonialmächten gezogene Grenzen und beeinflusste unislamische Staatsformen und – ideologien ausmerzen und seine Ideologie und Glaubensvorstellung im Sinne der Islamisierung von belehrbaren Minderheiten durchsetzen will, wobei aber beispielsweise Schiiten, Jesiden oder auch Alawiten als unbekehrbar gelten und darum Terror und Tod ausgesetzt sind. Die Organisation ist in verschiedenen Staaten aktiv und wirbt um Mitglieder für Bürgerkriege, verübt Terroranschläge und wird des Völkermords wie auch anderer Kriegsverbrechen beschuldigt. 2004 war die Organisation unter al-Qaida im Irak (AQI), ab 2007 unter Islamischer Staat im Irak (ISI), von 2011 bis Juni 2014 unter Islamischer Staat im Irak und in Syrien (ISIS), des Weiteren unter dem Namen Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIL) und auch unter dem transkribierten arabischen Akronym Daesch (dāʿisch), bekannt, was für ad-daula al-islāmīya fī l-ʿIrāq wa-sch-Schām also für „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (auch Levante oder Großsyrien)“ steht. Die aus den arabischen Anfangsbuchstaben abgeleitete und im arabischen Sprachgebiet verbreitete, eher negativ konnotierte Abkürzung Daesch wird inzwischen auch in anderen Sprachen verwendet. Das Akronym erinnert dabei an andere arabische Begriffe, die etwa für „Zwietracht säen“ oder „zertreten“ stehen. Damit soll der im Islam positiv konnotierten Eigenbezeichnung der Organisation bewusst entgegengetreten und eine direkte Assoziation mit dem Islam vermieden werden. Vgl. zu Verwendung von Daesch: Schulte von Drach, Markus C.. 23.11.2015. Warum der Name „Daesch“ den Islamischen Staat ärgert. In: Süddeutsche Zeitung. Unter: http://www.sueddeutsche.de/politik/ terrororganisation-warum-der-name-daesch-den-islamischen-staat-aergert-1.2745175 (zuletzt eingesehen am 05.08.2016). Zur Entstehung des Islamischen Staates vgl. Buchta, Wilfried.22.02.2016. Iraks Zerfall und der Aufstieg des IS. Zwei Seiten einer Medaille. In: APuZ 66. Jg. 8/2016, S. 23–30. Gerlach, Daniel. 22.02.2016. Was in Syrien geschieht. In: APuZ 66. Jg. 8/2016, S.6–14, hier S.11–12. Günther, Christoph. 2014. Ein zweiter Staat im Zweistromland? Genese und Ideologie des „Islamischen Staates Irak“. Würzburg. Steinberg, Guido. 2015. Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror, München. Ders. 26.08.2014. Der Islamische Staat im Irak und Syrien (ISIS). In: Dossier Islamismus Bundeszentrale für politische Bildung. Unter: http://www.bpb.de/politik/extremismus/islamismus/190499/der-islamische-staat-im-irak-und-syrien-isis (zuletzt eingesehen am 05.08.2016), Said, Behnam T.. 2015. Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Brigaden. Lizenzausgabe Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn. Zu aktuelleren Entwicklungen auch in Syrien vgl. Irak at a crossroad. 2015. Hrsg. v. Karim Hauser, Casa Árab, Fes.

[24] Al-Nusra-Front oder Dschabhat al-Nusra, eine dschihadistisch-salafistische Organisation in Syrien, war bis zum 28.07.2016 eine al-Qaida zugehörige Gruppe, die im syrischen Bürgerkrieg gegen die Regierung Baschar al-Assads aber auch gegen Teile der Freien Syrischen Armee (FSA) und kurdische Volksverteidigungseinheiten kämpfte. Ende Juli 2016 verkündete sie die Trennung von al-Qaida und Umbenennung zu Dschabhat Fatah Scham, „Eroberungsfront der Levante“, um die Rebellenfraktionen in Syrien wieder zu vereinen, dem Vorwurf der Steuerung und Abhängigkeit vom Ausland zu entgehen und damit die Chance als potentieller Verhandlungspartner bei Friedens- oder Oppositionsgesprächen zu erhöhen. Vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wurde al-Nusra-Front aber als Terrororganisation eingestuft und ein Waffenembargo verhängt, da bisher neben der Beseitigung des Assad-Regimes und der Errichtung eines am Salafismus orientierten sunnitischen Islamischen Staates in Syrien sowie letztlich eines Kalifats in der Levante die Vereinigung aller dschihadistischen Kräfte in Syrien zur Bekämpfung der säkularen Opposition sowie die Vertreibung alawitischer und christlicher Minderheiten aus Syrien zu den Zielen von al-Nusra-Front gehörten. Al-Nusra-Front kooperiert u.a. mit der Syrischen Islamischen Front sowie auch mit Teilen der FSA und rekrutiert ihre Kämpfer neben einem kleinen Anteil aus dem Ausland vor allem in Syrien. Al-Nusra-Front ging 2011 aus al-Qaida im Irak (AQI) bzw. dem Islamischen Staat im Irak (ISI) hervor und trat erstmals Ende Januar 2012 öffentlich in Erscheinung. Sie zeigt sich seither an Attentaten vor allem gegenüber militärischen Zielen des Assad-Regimes und Massakern an Regimetreuen aber auch Zivilisten, besonderes Christen und Alawiten, verantwortlich und beteiligen sich an humanitären Hilfsaktionen für die syrische Zivilbevölkerung. Im April 2013 scheiterte der Versuch Abū Bakr al-Baghdādīs al-Nusra-Front zu einem bloßen Teil von ISI zu erklären und ISI und al-Nusra-Front unter dem neuen Namen Islamischer Staat im Irak und der Levante zu vereinen. Die Anführer von al-Nusra-Front und al-Qaida erklärten die Vereinigung für nichtig und machten verschiedene Einflussgebiete geltend, ISIS im Irak, al-Nusra in Syrien. Seither stehen sich die beiden Gruppen in Syrien feindlich gegenüber. Vgl. Gerlach, Daniel. 28.07.2016. Was in Syrien geschieht, S.10–11. Neuer Name - neue Ziele? Nusra-Front kappt Verbindungen zu Al-Kaida. In: n-tv.de. Unter: http:// www.n-tv.de/politik/Nusra-Front-kappt-Verbindungen-zu-Al-Kaida-article18295806.html. Steinberg, Kalifat des Schreckens. IS und die Bedrohung durch den islamistischen Terror, S.86–91, Said, Islamischer Staat. IS-Miliz, al-Qaida und die deutschen Briganden, S. 56-98.

[25] Damit ist gemeint, dass zumindest eine tief religiöse Haltung in der Bevölkerung weit verbreitet ist, die sich laut Adonis vielfach an den Wahhabismus bzw. den Salafimus anlehne, so dass sich viele der Menschen in ihrer Lebensweise und Glaubensvorstellung eng an die Überlieferungen der ersten Muslime und den Anfängen des Islam orientieren und den Einfluss westlicher Kultur ablehnen. Vgl. zu dem Begriff Salafismus Steinberg, Guido. 30.06.2014. Was glauben Salafisten? – Begriffsklärungen, theologische Positionen, einzelne Strömungen. In: Salafismus als Herausforderung für Demokratie und politische Bildung. Unter: http:// www. bpb.de/veranstaltungen/dokumentation/186662/was-glauben-salafisten (zuletzt eingesehen am 05.08.2016). Vgl. auch Anmerkung 15. 

[26] Dieser Satz verweist auf die islamistisch-dschihadistische Ausrichtung vieler Aufständischer und Rebellengruppen. Vgl. zu den Begriffen Islamismus und Dschihadismus Pfahl-Traughber, Armin. 09.09.2011. Islamismus - Was ist das überhaupt? In: Dossier Islamismus der Bundeszentrale für politische Bildung. Unter: http://www.bpb.de /politik/extremismus/islamismus/36339/ islamismus-was-ist-das-ueberhaupt, Dschihadismus. 19.03.2012. In:  Jugendkultur, Islam und Demokratie Bundeszentrale für politische Bildung. Unter:  http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/jugendkultur-islam-und-demokratie/125174/dschihadismus (beide zuletzt eingesehen am 05. 08.2016).      

[27] Hiermit bestätigt Adonis, dass es unter den Gegnern des Assad-Regimes durchaus säkulare Kräfte gibt, die in gar gewaltfreier Opposition ebenfalls ihr Leben riskieren, etwa Schriftsteller, Journalisten, oppositionelle Politiker, Intellektuelle, Menschenrechtsaktivisten. Er selbst unterstützt die Vereinigung des Menschenrechtsaktivisten Haytham Manna, die gegen die Militarisierung des Aufstandes sowie gegen eine ausländische Intervention in Syrien eintritt. Vgl. Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2016 an Adonis. Unter: http:// www.osnabrueck.de/friedenspreis/start/aktuelles/news/verleihung-des-erich-maria-remarque-friedenspreises -2016-an-adonis.html (zuletzt eingesehen am 05.08.2016).   

[28] Mit diesem Satz betont Adonis erneut seine Position gegenüber dem Islam und den arabisch-islamischen Gesellschaften, die er beide für absolut rückständig hält. Die arabisch-islamische Welt sei in ihrer politischen, kulturellen und sozialen Tiefenstruktur noch immer von Religion und Stammesdenken geprägt, als stünde sie in einem Kontinuum mit der Kultur des Mittelalters. Er hingegen plädiere für die Trennung von Staat und Religion, für die Einhaltung der Menschenrechte, für die Gleichstellung der Frau in der Gesellschaft und für eine demokratische Willensbildung und sei gegen Gewalt, vor allem mit Waffen. All diese Ziele vermisse er bei den meisten Gruppierungen der syrischen Opposition. Vgl. ebd. und Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten. Vgl. das Kapitel Adonis allgemeine zentrale Positionen zum Syrienkrieg und dem Arabischen Frühling im Kommentar.

[29] Adonis verwendet den arabischen Begriff هاجر , was „auswandern“ oder „fernhalten von“ bedeutet, wobei hier mehr “auswandern“ in Frage kommt. Vgl. hierzu das Kapitel Kritische Aussagen im vorliegenden Interview im Kommentar.

[30] Vgl. hierzu das Kapitel Kritische Aussagen im vorliegenden Interview im Kommentar.    

[31] Adonis betont an anderer Stelle, er habe schon vor Jahren einen Brief an Baschar al-Assad geschrieben und ihn darin zum Rücktritt aufgerufen. Vgl. Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2016 an Adonis. Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten und das Kapitel Adonis allgemeine zentrale Positionen zum Syrienkrieg und dem Arabischen Frühling.

[32] Dies entspricht der Sichtweise des syrischen Regimes, das sich in erster Linie im Krieg gegen Islamismus und Terrorismus sieht, der von unterschiedlichem Ausland komme oder von dort direkt oder indirekt unterstützt werde. Das syrische Regime legitimiert durch diese Propaganda seinen massiven militärischen Einsatz auch gegen die eigene Bevölkerung. Vgl. Interview mit Baschar al-Assad und Anmerkung 9. Zur jahrzehntelangen Auseinandersetzung des syrischen Regimes mit dem Islamismus im eigenen Land vgl. Khatib, Line. 2011. Islamic Rivalism in Syria. The rise and fall of Ba´thist secularism, New York. 

[33] Vgl. ebd.. Die direkte oder indirekte Beteiligung des Auslands an den vielen Fronten des Syrienkonflikts kann niemand leugnen, so dass das Ausland in der Tat an der Zerstörung des Landes mit beteiligt ist. Vgl. Gupta, Ranjit.2016. Understanding the War in Syria and the Roles of External Players: Way Out of the Quagmire? In: The Round Table, Vol. 105 No. 1, S.29–41. Khashanah, Khaldoun. 2014. The Syrian Crisis: a systemic framework. In: Contemporary Arab Affairs, Vol. 7 No.1, S. 1-21. Asseburg, Muriel/Wimmer, Heiko. 2013. Der Bürgerkrieg in Syrien und die Ohnmacht internationaler Politik. In: Marc von Boemcken u.a. (Hrsg.): Friedensgutachten 2013. Berlin, S.236–250.    

[34] Vgl. ebd.. Sowohl das Regime von Saddam Hussein wie auch das von Muammar al-Gadaffi wurden mit Hilfe von westlichen Militäreinsätzen gestürzt. Aber weder im Irak noch in Libyen vermochte es die westliche Politik oder Besatzung im Anschluss daran den fortschreitenden Staatszerfall, Bürgerkrieg und die Etablierung radikalislamistischer Milizen wie den Islamischen Staat zu verhindern, sondern verstärkten letztlich mit ihrer Intervention diese Tendenzen. Vgl. Khashanah, The Syrian Crisis: a systematic framework. Khashanah vertritt die These eines hinter dem Syrienkonflikt stehenden externen Metaplans einer grundlegenden Veränderung Syriens, der keine Rücksicht auf die Bevölkerung Syriens nimmt und die Zerstörung des Landes einkalkuliert, um geopolitische Ziele einer neuen Weltordnung in Richtung Westen durchzusetzen. Vgl. auch Asseburg/Wimmer, Der Bürgerkrieg in Syrien und die Ohnmacht internationaler Politik.  

[35] Die Muslimbruderschaft wurde 1928 von Hasan al-Bannā in Ägypten gegründet aufgrund der Auswirkungen der Kolonialherrschaft, des westlichen Imperialismus und des aufkeimenden säkularen Nationalismus sowie des Zusammenbruchs des Osmanischen Reiches. Ziel der Muslimbruderschaft war die Wiederherstellung der Würde, der Freiheit und des Wohlstands der Araber und Muslime in Ägypten und die moralische und religiöse Genesung der ägyptischen Gesellschaft sowie der muslimischen Gemeinschaft insgesamt durch die Stärkung der Rolle des Islam. Die Muslimbruderschaft hatte einen islamischen Staat zum Ziel, der sich evolutiv aus der Gesellschaft heraus allmählich verwirklichen sollte. Darum verstand sie sich zuvorderst als eine islamische Wohlfahrtsorganisation, die sich schnell von einer sozialen Bewegung hin zu einer institutionalisierten sozialen und politischen Massenorganisation entwickelte. In der jahrzehntelangen Auseinandersetzung in der Opposition mit den wechselnden ägyptischen Regimen schwor die Muslimbruderschaft offiziell der Gewalt und dem globalen Dschihad ab und entradikalisierte und entideologisierte sich zunehmend, so dass sie bis zum gewaltsamen Sturz Muhammad Mursis gegenüber den gewaltsamen Islamisten als vergleichsweise moderate politische und soziale Formation galt. Die Regierung Mursis bewies aber, dass der islamische Referenzrahmen und der Anspruch auf Alleinherrschaft der Muslimbruderschaft über die Anpassung ihres ursprünglich islamistischen Charakters an die Erfordernisse westlich-demokratischen Denkens dominierte. Heute gilt die Muslimbruderschaft in Ägypten als Terrororganisation und ist verboten. Vgl. Ranko, Annette. 2014. Die Muslimbruderschaft. Portrait einer mächtigen Verbindung. Hamburg. 

[36] Dahinter verbirgt sich der Vorwurf und die Realität, dass insbesondere der Westen in den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens oder auch Afghanistan immer wieder von außen intervenierte oder Gruppierungen oder Machthaber unterstützte, die in erster Linie seinem nationalen und internationalen Interesse und nicht der politischen, gesellschaftlichen oder auch kulturellen Entwicklung dieser Staaten diente, was heute letztlich mitverantwortlich dafür ist, dass der Nahe und Mittler Osten unter Staatszerfall, Terror und radikal-islamistischen Milizen wie dem Islamischen Staat leiden. Vgl. Gupta, Understanding the War in Syria and the Roles of External Players: Way Out of the Quagmire? Khashanah, The Syrian Crisis: a systematic framework, Jenkins, The Dynamics of Syria´s Civil War. Günther, Christoph: Ein zweiter Staat im Zweistromland? Genese und Ideologie des „Islamischen Staates Irak“. Perthes, Volker. 2015. Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen. Berlin 2015.     

[37] Dies verweist erneut auf die Absichten und Rolle der im Syrienkonflikt beteiligten ausländischen Mächte wie auch der problematischen Rolle besonders der USA im Irak sowie den daraus resultierenden Folgen wie etwa die Entstehung und Etablierung des Islamischen Staates in Syrien und dem Irak. Vgl. ebd. und zu Libyen Lacher, Wolfram. 20.02.2016. Libyen. Dossier Interkulturelle Konflikte Bundesszentrale für politische Bildung. Unter: http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/54649/libyen (zuletzt eingesehen am 07.08.2016).

[38] Hiermit sind die Dominanz der Terror-Miliz des Islamischen Staates im Syrienkrieg, ihr kulturzerstörendes Auftreten und ihre barbarischen Handlungen gemeint wie beispielsweise die Zerstörung von Palmyra und die Verfolgung und Verschleppung der Jesiden. Vgl. Zerstörung antiker Bauwerke in Syrien. "Palmyra ist wie eine Geisel des IS". 05.10.2015. Unter: https://www.tagesschau.de/ausland/palmyra-is-105.html. Verfolgung der Jesiden durch den IS. 23.02.2015. Unter: http://daserste.ndr.de/beckmann/sendungen/Verfolgung-der-Jesiden-durch-den-IS,jesiden256.html (beide zuletzt eingesehen am 07.08.2016) 

[39] Vgl. beispielsweise https://www.reporter-ohne-grenzen.de/syrien/, Schlagstöcke gegen Intellektuelle. Assad lässt Künstler verprügeln. 14.07.2016 n-tv.. Unter: http://www.n-tv.de/politik/Assad-laesst-Kuenstler-verprue geln-article3809316.html (beide zuletzt eingesehen am 06.08.2016).

[40] Vgl. Anmerkung 14.

[41] Adonis macht hier den in der islamisch-arabischen Welt äußerst aufgeladenen arabischen Begriff المواطنة (al-muwāṭana), der „Staatsbürgerschaft“, zum Thema, dessen Konzept einen Bürgerstatus im Sinne voller, gleichwertiger Zugehörigkeit und Partizipation impliziert. Der Begriff wird zum Beispiel benutzt, um einen gleichberechtigten Status für Nichtmuslime einzufordern oder auch in Abgrenzung von der reinen Staatsangehörigkeit, جنسية (dschinsīya), etwa durch die arabischen Israelis oder saudischen Schiiten, die damit mehr wollen als nur einen Pass. Die Forderung nach Umsetzung des vollen und gleichen Bürgerstatus für alle war für unterschiedliche Gruppierungen eines der Schlüsselmomente des Arabischen Frühlings. Vgl. Davis, Uri. 2000. Conceptions of Citizenship in the Middle East. State, Nation and People. In: Citizenship and the State in the Middle East: Approaches and Applications. Hrsg. v. Nils A. Butenschn, Manuel S. Hassassian, Uri Davis. New York.  S. 49–69, hier S. 50–55. Meijer, Roel. Februar 2014. The Struggle for Citizenship: The Key to Understanding the Arab Uprisings, Report hrsg. v. Norwegian Peacebuilding Resource Centre. Unter:  http://www.peacebuilding.no/Regions/Middle-East-and-North-Africa/Publications/The-struggle-for-citizenship-the-key-to-understanding-the-Arab-uprisings (zuletzt eingesehen am 06.08. 2016).

[42] Was sich etwa in den Strukturen der politischen Systeme arabischer Staaten zeigt wie in der de-facto Herrschaft der Alawiten in Syrien und im Konfessionalismus in Libanon.

[43] Adonis beklagt in der ausgelassenen Passage den Verlauf der arabischen Geschichte, die keinen Moment enthalte, der zu einer wahren Veränderung hätte beitragen können. Es hätte immer nur das Konzept der Macht und des Kalifats gegeben, das dem Prinzip des Stärkeren folge und keine kulturelle Vision beinhalte, sondern immer nur bizarre Widersprüche mit sich brächte.

[44] Die Ideologien der arabischen nationalen Einheit werden auch mit dem Begriff des Panarabismus als Sonderform des arabischen Nationalismus umschrieben, die die arabische Kulturnation vom Atlantik bis zum Persischen Golf in einen gemeinsamen Nationalstaat vereinen will, wobei der Panarabismus die Spaltung der arabischen Einheit als Folge der Kolonialisierung durch unterschiedliche Besatzer sieht. Seinen Ursprung hat der Panarabismus bereits im 19. Jahrhundert als Reaktion auf den osmanischen Imperialismus und durch den Einfluss der europäischen Ideen zum Konzept der Nation, durch das die Araber ein Bewusstsein einer nationalen und politischen Identität entwickelten. Da der europäische Imperialismus aber nach dem ersten Weltkrieg den arabischen Nationalstaat verhinderte, entstanden Nationalismen der einzelnen arabischen Nationalstaaten, mit Ausnahme Ägyptens, das bereits zuvor einen genuin ägyptischen Nationalismus entwickelt hatte. Der panarabische Gedanke rückte in den Hintergrund, und europäische Ideologien nahmen bei der Herausbildung der Nationalismen der einzelnen arabischen Staaten eine gewichtigere Rolle ein, wie etwa im arabischen Sozialismus, der seine besondere Verkörperung in der Baath-Partei in Syrien fand und bis 2012 tragende Staatsideologie war. Der arabische Nationalismus führte zu einigen Versuchen an Zusammenschlüssen arabischer Staaten, zum Beispiel 1958 zur Vereinigten Arabischen Republik, bestehend aus Ägypten und Syrien und getragen durch den Nasserismus, den Gamal Abdel Nasser (1918-1970) nach seiner Machtübernahme in Ägypten 1954 verfocht. Ein weiterer Vertreter der panarabischen Idee war auch Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi, der sich als Schüler Abdel Nassers sah und sich unter anderem für die Föderation Arabischer Republiken aussprach. Auch wenn der Panarabismus sich durch die Betonung auf die arabische Kulturnation vom islamischen Gedanken der Gemeinschaft der Muslime, der Umma, löste, schuf die Ideologie des Panarabismus eine arabisch-islamische Identität, die von Religion letztlich nicht zu trennen ist. Nach dem Sechstagekrieg 1967 geriet der arabische Nationalismus, konkret der Nasserismus, mehr und mehr in eine Krise und verlor gegenüber dem islamischen Fundamentalismus an Popularität. Der arabische Nationalismus entwickelte sich durch die zunehmende Macht der Nasseristen und später der Baathisten zugleich zu einem Unterdrückungsinstrument gegen die nationalen Minderheiten in den arabischen Ländern. Etwa seit den frühen 1990er Jahren gilt der Panarabismus weitestgehend als gescheitert. Als letzter Staat hat ihn Libyen unter Gaddafi vertreten. Vgl. Hourani, Die Geschichte der arabischen Völker, S. 470–521 und Anmerkung 47.

[45] Unter der Revolution der Liberalen ist beispielsweise der Aufstieg und die letztliche Machtergreifung der Baath-Partei (Arabische sozialistische Partei der Wiedererweckung) 1963 im Irak und in Syrien zu verstehen. Der Baath-Partei liegt die Ideologie des Baathismus zugrunde, der den arabischen Sozialismus zu seiner Doktrin machte, Republikanismus vertrat, die nationale Einheit aller Araber über religiöse Grenzen hinweg anstrebte und daher im Grundsatz eine säkularistische Ideologie ist. Die Anfänge der Baath-Partei liegen in den 1940er Jahren. Von 1958 bis 1961 verschrieb sich die syrischen Baath-Partei den Werten der Vereinigten Arabischen Republik, verließ die Föderation aber wieder aufgrund der zu großen Machtansprüche Ägyptens. Fortan setzte sich der Gedanke der sozialen Revolution im eigenen Land ideologisch durch. Dem politischen Erfolg standen jedoch zunächst die sich gegenseitig ausschließenden minoritären Stellungen der Führungen der Baath-Partei in Syrien und im Irak im Wege. In Syrien gelang später bis heute der alawitischen Minderheit die Machtstellung und im Irak bis zum Sturz Sadam Husseins 2003 der sunnitischen Minderheit. Weder in Syrien noch im Irak vermochte die herrschende Baath-Partei Einheit, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Fortschritt zu bringen, galt aber aufgrund ihrer säkularen Ideologie lange als Garant gegen den Islamismus. Anfängliche Gedanken zur Einheit von Syrien und Irak wichen schon bald erbitterte Rivalität und Feindschaft zwischen den beiden herrschenden Gruppen und damit zwischen den beiden Staaten. Vgl. ebd. und zur Baath-Partei in Syrien Khatib, Islamic Rivalism in Syria. The rise and fall of Ba´thist secularism.

[46] Hiermit ist der Nasserismus gemeint, eine sozialistische, neutralistische Form des arabischen Nationalismus, der von der Idee des Panarabismus in besonderer Weise als der Lösung der Probleme Ägyptens getragen wurde. Der Nasserismus war geprägt von revolutionärem Pathos und dem Charisma Abdel Nassers, der die Hoffnung vieler Ägypter bis zur Niederlage im Sechstagekrieg 1967 auf Unabhängigkeit, Stärke, Fortschritt und soziale Gerechtigkeit glaubwürdig vertrat. Die Politik Nassers forcierte neben der Verstaatlichung großer Wirtschaftszweige unter anderem den massiven Ausbau von kostenfreien Schulen und Universitäten, der aber dem bis heute anhaltenden rapiden Bevölkerungswachstum Ägyptens nicht Schritt halten konnte. Die Qualität der Ausbildung litt und Wissenschaft und Forschung verpassten den Anschluss an die internationalen Entwicklungen. Vgl. Pink, Johanna. 2014. Geschichte Ägyptens. Von der Spätantike bis zur Gegenwart. München, S. 206–217, Hourani, Die Geschichte der arabischen Völker, S. 490–498.

[47] Mao Zedong (1893-1976) verwandelte nach seiner Machtübernahme 1954 China sukzessive von einem rückständigen agrarischen Feudalstaat zu einer politischen und wirtschaftlichen Großmacht, wobei aber die von Mao vorangetriebenen Kampagnen und Programme, insbesondere der Große Sprung nach vorn sowie die Kulturrevolution, den Tod von Millionen Menschen, wesentliche wirtschaftliche Schäden, Verluste an kulturellem Erbe und verfehlte gesellschaftliche Strukturen zur Folge hatte. Ungeachtet dessen verweist Adonis in seinem Vorwurf der Rückständigkeit der arabisch-islamischen Welt immer wieder darauf hin, dass Mao den Grundstein für die heutige wirtschaftliche Weltmachtstellung Chinas gelegt habe. Vgl. Stahl, Helga. 2014. Vom Kaiserreich zur Volksrepublik: Chinas langes 20. Jahrhundert. In: Länderbericht China, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Hrsg. v. Doris Fischer/Christoph Müller-Hofstede. Bonn, S.181– 220. Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten.  

[48] Hiermit ist der Konfessionalismus des politischen Systems im Libanon gemeint.

[49] Vgl. Anmerkung 46 und 47 oder auch die Machtwechsel durch den Arabischen Frühling in unterschiedlichen arabischen Staaten.

[50] Die Denker und Vertreter der Ideologien der arabischen nationalen Einheit des 19. und 20. Jahrhundert und der säkularen arabischen Nationalstaaten.

[51] Die nationalistischen Bewegungen und die Einheitsbewegungen haben sich nach Etablierung ihrer Macht zu autokratischen-diktatorischen Regimen entwickelt und Säkularität sowie Demokratie über Bord geworfen. Sie kamen letztlich nicht umhin, die Religion entsprechend ihrer Definition mit ins Boot zu nehmen, was sich auf das politische System etwa bei der Besetzung politischer Ämter oder in den Formulierungen der Verfassungen und den Gesetzen niederschlägt und zu Ungleichheit, Unrecht und Unterdrückung führte. Das heutige Tunesien ist bisher das einzige arabische Land, das sich eine neue säkulare Verfassung gegeben hat. Vgl. Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten.

[52] Hierunter fällt beispielweise auch die demokratische Willensbildung, die es in den arabischen Ländern kaum gibt und für welche Adonis eintritt. Vgl. Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises 2016.

[53] Das verweist noch einmal auf die islamischen Reformbewegungen und die Ideologien der arabischen nationalen Einheit des 19. und 20. Jahrhundert, zwischen denen sich auch der radikale Islamismus und Terrorismus etablierte. 

[54] Damit sind die Terror-Miliz des Islamischen Staates und andere dschihadistische Bewegungen gemeint.

[55] Die Arabische Liga, genauer "Liga der Arabischen Staaten" mit Sitz in Kairo, wurde 1945 gegründet und umfasst heute 22 Mitgliedsstaaten: Ägypten Algerien, Bahrein, Dschibuti, Irak, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Mauretanien, Oman, Katar, Komoren, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Tunesien, Vereinigte Arabische Emirate sowie die Palästinensischen Gebiete, die noch keine eigenständige Staatlichkeit erlangt haben. Im November 2011 wurde der syrischen Delegation die Teilnahme an den Treffen der Arabischen Liga wegen des gewalttätigen Vorgehens des Regimes von Baschar al-Assad gegen die Aufständischen in Syrien ausgesetzt. Der Staatenverbund will neben der Interessenvertretung nach außen die politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten fördern und ihre Unabhängigkeit und Souveränität schützen. Durch den Arabischen Frühling hat auch die regionale Organisation Arabischen Liga an Bedeutung gewonnen, sichtbar in ihrer Rolle in den Konflikten um die Aufstände in Libyen und Syrien. Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/RegionaleSchwerpunkte/NaherMittlererOsten/Arabische_Liga/ArabischeLiga2012-node.html (zuletzt eingesehen am 06.08.2016).

[56] Das bezieht sich entweder auf das für afrikanische Verhältnisse hohe Wirtschaftswachstum Nigerias oder auf den demokratischen Machtwechsel im März 2015, der trotz des islamistischen Terrors durch Boko Haram stattfand und das Land vor einer unkalkulierbaren Staatskrise rettete. Die neue Führung nahm zwar auch sofort den Kampf gegen die Terrororganisation Boko Haram auf, die nach wie vor für die Einführung der islamischen Scharia in ganzen Land und das Verbot westlicher Bildung mit zunehmender Brutalität kämpft, konnte die Terrororganisation aber bisher nicht verdrängen. Die beklagte Faulheit der Araber lässt aber mehr auf das wirtschaftliche Wachstum schließen. Vgl. Bergstresser, Heinrich. 10.12. 2015. Nigeria. In: Dossier Innerstaatliche Konflikte bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Unter: http://www.bpb.de/internationales/weltweit/innerstaatliche-konflikte/176466/nigeria (zuletzt eingesehen am 06.08.2016).

[57] Vgl. Bobzin, Hartmut. 2010. Der Koran. Aus dem Arabischen neu übertragen von Hartmut Bobzin unter Mitwirkung von Katharina Bobzin. München, Sure 13 Vers 11.

[58] Neue methodische v.a. literaturwissenschaftliche Ansätze in der Koranauslegung sind bereits in den 1940er Jahren in Ägypten entstanden und fanden in den 1990er Jahren einen populären Höhepunkt mit dem ägyptischen Literaturwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid (1945-2010), der den Korantext in den historischen Kontext seiner Übermittler stellte. Mit der Übersetzung und Veröffentlichung der Werke und Schriften des pakistanischen Philosophen und islamischen Denkers Fazlur Rahman (1919-1988) ins Türkische Mitte der 1980er Jahre entwickelte sich besonders in der Türkei eine Diskussion um die Geschichtlichkeit des Korans, aus der eine islamische modernistische Koranauslegung heraus entstand, dessen prominentester Vertreter heute in Deutschland Ömer Özsoy ist. Vgl. Özsoy, Ömer. 2006. Die Geschichtlichkeit koranischer Rede und das Problem der ursprünglichen Bedeutung geschichtlicher Rede. In: Alter Text – neuer Text. Koranhermeneutik in der Türkei heute. Freiburg i. Brsg.. S. 78–88. Ders.: Koranhermeneutik als Diskussionsthema in der Türkei. Unter:  http://www.akademie-rs-test.de/ fileadmin/user_upload/pdf_archive/20050722_0855_ArtikelOezsoy7-05.pdf. Körner, Felix. Können Muslime den Koran historisch erforschen? Türkische Neuansätze. Unter: http://www.sankt-georgen. de/leseraum/koerner4.pdf (beide zuletzt eingesehen am 06.08.2016).  

[59] Ibn Rushd oder Averroës (1126-1198) war ein andalusischer Philosoph und Arzt, der neben einer medizinischen Enzyklopädie einen Kommentar zu den Werken Aristoteles verfasste. Ibn Rushd war der Logik und der Vernunft verpflichtet und forderte die Muslime auf, über ihren Glauben nachzudenken und die bestmögliche Beweislage für ihr Denken zu finden. Adonis hält die Lektüre von Ibn Rushd für eine positive Zukunft der arabisch-islamischen Welt für notwendig. Vgl. Rudolph, Ulrich. 2004. Islamische Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. München. S.70–76, Adonis im Interview Worte zwischen den Fronten.  

[60] Die restlichen fehlenden Passagen des Interviews befassen sich mit der Situation und dem Zustand von Intellektuellen in den arabisch-islamischen Gesellschaften und der Bedeutung der klassischen arabischen Sprache für die Dichtung. Die klassische arabische Sprache sei frei von einem verzerrenden und beengenden Verständnis von Religion und somit die Dichtung noch heute einer der wichtigsten Beiträge zur arabischen Kultur.

 

 

 

 

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