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Konflikte einer Mutter

Lea Goldberg, Konflikte einer Mutter

aus dem Hebräischen von Anette Andrée


Sie wusste nicht, warum sie sie überfallen hatten, sie überfallen, sobald sie den Theatersaal betreten und sich auf ihren Platz neben ihren Mann gesetzt hatte, unruhige, fremdartige Gefühle. Wurden sie von eben jenem jungen Mädchen ausgelöst, das sie mit fröhlichen braunen Augen von der benachbarten Loge aus beobachtete? Oder vielleicht war eine andere Ursache dafür verantwortlich. Doch war sie aus irgendeinem Grund an diesem Abend nicht imstande gewesen, ihre kleine Tochter, die allein zuhause geblieben war, zu beruhigen.
Plötzlich erinnerte sie sich an all die Einzelheiten, die sich vor ihrem Theaterbesuch ereignet hatten, an die Bitten ihrer Tochter, sie mit sich zu nehmen, an ihre tränenerfüllten Augen, als sie ihr striktes "Nein" hörte, und daran, dass sie sich nachher geweigert hatte, das Abendbrot zu essen, und sich absichtlich an der Türschwelle des Zimmers gestoßen und am Fuß wehgetan hatte, nur um nicht weniger weinen zu müssen. Sicher, sie war nicht freundlich gewesen, doch ebenso sicher musste ein zwölfjähriges Mädchen in der Zeit zu Hause bleiben, in der die Eltern ins Theater gingen, um dort ein Stück "für Erwachsene" zu sehen und sie hatte überhaupt kein Recht gehabt, sich dagegen aufzulehnen.
Dies war all die Jahre hindurch ihr Verhalten gegenüber Launen wie diesen gewesen. Aber der heutige Abend? Heute Abend hatte die Sache eine etwas andere Schattierung angenommen. Und unwillkürlich fiel ihr mit einem Mal der einsame Abend ein, der sich in ihrer Kindheit ereignet hatte, in diesen Stunden, an die Sehnsucht nach etwas und an das Selbstmitleid, das an ihrem kleinen Herzen genagt hatte.
"Bestimmt empfindet auch meine Tochter so." Überlegte sie "Und ich habe noch nie darüber nachgedacht. Das ist merkwürdig. Ich habe doch tatsächlich überhaupt nie gedacht, dass sie etwas empfindet. Ich wusste zwar, dass auch sie Gefühle hat, aber ich achtete nicht darauf. Warum? Dieser Tochter, diesem kleinen Mädchen gegenüber benimmt man sich wie zu irgendeinem Ding, das kein eigenes Leben hat, man kümmert sich darum, dass es sauber ist, dass es strahlt, dass es an seinem Platz bleibt und dass es sich nicht aufregt...und sich tiefergehend mit ihm beschäftigen? Das scheint völlig überflüssig. Und doch ist dies eine ganze Welt, eine reiche und interessante Welt. Wer weiß, was ihr wehtut, dem Mädchen? Wer weiß, was sie von Tag zu Tag, von einem Augenblick zum anderen fühlt? Es ist doch immerhin möglich, dass sie nicht glücklich ist. Es gibt ja auch unglückliche Kinder."
Und sie erinnerte sich wieder an die kindlichen Gedanken und Zweifel, die sie früher bedrückt hatten und jetzt schienen sie ihr nicht mehr so seltsam und inhaltslos, wie sie es sonst immer getan hatten. "Wieso kennt ein jeder die eigene Seele so gut? Warum sind uns all die Gedanken und geheimen Wünsche der anderen fremd, selbst diejenigen naher und geliebter Menschen? Warum hat man überhaupt nie den Wunsch, einen anderen Menschen zu verstehen und namentlich die Seele eines Kindes zu verstehen? Ich muss das ändern, wenn ich ...wenn...."
Der Vorhang war gefallen und das Theater in Bewegung geraten, hätte man sie jedoch gefragt, was die Schauspieler auf der Bühne den ganzen ersten Akt hindurch getan hatten, hätte sie nicht gewusst, was antworten. Sie war einfach nur aufgewühlt. Wieder und wieder aufgewühlt ihrer kleinen Tochter wegen und wegen ihrer Entscheidung, etwas Wichtiges zu verändern.
Sie wandte den Kopf und schaute zu ihrem Ehemann hin. Er stand da und sprach mit irgendeiner Frau, und sie sah nur seinen Rücken, sein hie und da ergrautes Haar, sein Ohr und die Rundung seiner Wange. Und dem Ohr und der Rundung seiner Wange nach schien er zu lächeln. "Worüber freute er sich?" Sie dachte nach, und eine seltsame Feindschaft erfüllte ihr Herz. "Worüber ist er froh? Und doch ist alles seine Schuld. Nie hat er sich für diese Welt interessiert, die uns gegeben worden ist. Gleichwohl bemühte er sich, meine Aufmerksamkeit von der Tochter abzulenken, in genau den Jahren, als ich für ihn notwendig war. Und nun....
Sie betrachtete die hübsche junge Frau, die mit ihrem Ehemann sprach, und seinen Rücken, als er sich ein wenig zu ihr hinneigte, und sein Ohr und die Rundung seiner Wange und wusste ganz sicher, dass er voller Zufriedenheit lächelte.
"Ich hasse ihn!" Dachte sie. "Nur seinetwegen vergeudete ich die Zeit in den Häusern der Schneiderinnen, neben dem Spiegel, und hatte keine Zeit, auf die wichtigsten Dinge zu achten. Aber warum sitze ich denn noch hier? Kein Zweifel, ich muss nach Hause gehen! Die ganze Nacht werde ich nachdenken, und morgen, morgen werde ich vielleicht schon wissen, was zu tun ist." Sie erhob sich von ihrem Platz und ging auf ihren Ehemann zu.
"Entschuldige mich einen Augenblick. Die Vorstellung ist langweilig, und ich fühle mich nicht wohl, ich möchte nach Hause gehen."
"Aber," und er warf ihr einen seltsamen, etwas zaghaften Blick zu.
"Du kannst hier bleiben." Beruhigte sie ihn mit einem leichten Lächeln. "Ich geh allein."
"Wenn du dich nicht wohl fühlst...natürlich. Aber geh bitte nicht zu Fuß."
"Gut, auf Wiedersehen."
Mit dem warmen und guten Gefühl einer Heldin, die sich aufmacht, ihre Pflicht zu tun, kämpfte sie gegen den Strom der Menschen an, die in den Saal eintraten, um den zweiten Akt zu sehen.
Während sie sich anzog, zögerte sie einen Moment lang neben dem Spiegel. Das Bild einer nicht hässlichen, aber schon nicht mehr jungen Frau blickte ihr daraus entgegen. Wie stark an diesem Abend die kleinen Fältchen neben den Augen und dem Mund hervortraten. Aber das war jetzt vollkommen unwichtig.
Sie trat hinaus und ging zu Fuß nach Hause, tatsächlich zu Fuß, und es war gut, unter den großen Regentropfen durch die Strassen zu gehen und zu wissen, dass sie zu ihrer Tochter eilte, um das Wichtigste in ihrem Leben zu tun. Und auf dem Weg begleiteten sie Gedanken und Hoffnungen. Sobald sie das Haus betreten hatte, ging sie direkt und ohne abzulegen zum Zimmer der Tochter, in dem noch Licht war. Aber das Mädchen war bereits eingeschlafen. Sie trat zu dem Bett und betrachtete das Gesicht des Mädchens. Es war gerötet und feucht. Wahrscheinlich von Tränen. Auf dem kleinen Tisch neben dem Bett lag ein aufgeschlagenes Heft. In kindlichem Stil und mit vielen orthographischen Fehlern standen im Heft die Worte geschrieben: "Alle sind fortgegangen und ich bin allein zu Hause. Warum nehmen sie mich nie mit? Warum denken sie nie daran, dass auch ich ein Herz habe und auch ich mich langweile. Ach! Ich bin so unglücklich, ich möchte sterben und ihnen ist es egal. Sie denken, wenn sie mich kleiden und ernähren, haben sie schon alles getan...."
Mit Tränen in den Augen schloss sie das Heft und legt es auf den Tisch zurück. Dann löschte sie das Licht und verließ mit vorsichtigen Schritten das Zimmer. Als sie sich in ihr Bett legte, war sie fast glücklich. Sie dachte, dass ihr hier schon der Schüssel zum Allerheiligsten der Seele ihrer kleinen Tochter in die Hände gegeben worden war, dass diese wunderbare Welt, die vor ihr zwölf Jahre hindurch fest verschlossen gewesen, ihr nun nicht mehr fremd war.
Aber in irgendeiner tiefen und entfernten Ecke ihres Herzens hatte bereits etwas zu flüstern angefangen, dass dies nicht der Weg sei, dass sie noch nichts wisse, und dass es vielleicht bereits zu spät sei, den Fehler zu beheben.


Lea Goldberg, Livte em, in: Netivot 3/50, 1929,3; nachgedruckt in: Lea Goldberg, Kol ha-sippurim (Gesammelte Erzählungen), herausgegeben von Giddon Ticotsky und Hamutal Bar-Yosef, Bnei-Brak 2009, 16-19.



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